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Oblomow

Oblomow. Von einem gewissen Iwan Gontscharow. Kennt den eigentlich jemand weiter? So ohne Handy und Wikipedia? Aber Oblomow. Oder auch nicht? Nein, Oblomow ist bekannt, oder? Man muss nicht notwendig mit den Hauptlinien der anarchistischen Literatur Russland vertraut sein, um von Oblomow schon mal gelesen zu haben. Oder etwa doch? Nein, ich denke wahrscheinlich nicht. Schließlich finden sich auch so ausreichend Rezensionen zu dem Buch, wenn auch in Literaturlexika eher spärlich vertreten.

Und dennoch ist der Blick durch das Auge der Anarchisten um einiges spannender als die eher spröde Sicht des aufgeklärten, wissenden Bürgers, Oblomow als sprichwörtliche Entsprechung „für die Erstarrung und Passivität einer untergehenden Gesellschaft“ zu sehen. Aus heutiger Sicht bräuchte es den Roman zumindest darum nicht, das kann man auch kürzer und prägnanter schreiben als ausgewälzt auf fast 700 Seiten. Interessanterweise hatte der Autor dieser Sprichwörtlichkeit selbst schon ausreichend Vorschub geleistet: Die Bildung eines spezifischen Substantivs aus dem Namen des Haupthelden findet im Buch selbst schon statt: Oblomowerei. (Im Russischen spricht und liest sich das bestimmt schöner, обломовщина) Die Lebensart des Haupthelden als markante Stillinie zu zeichnen, die später sprichwörtlich werden kann, war also bereits unmittelbare Absicht des Autors. Es scheint auch gut möglich, dass er damit nur vorhandene Stereotype seiner Zeit wiedergegeben hat. Vielleicht gar der Name selbst keine literarische Erfindung? Jedenfalls ist es um eine Literaturkritik nicht gut bestellt, wenn man sich einfach in die mehr als hundert Jahre alte Erzählebene des Autors einschreibt und diese nur ein wenig mit einfach zu habender historischer Gewissheit anreichert.

Was macht den unser Oblomow nun? Nichts, so wird weithin kolportiert. Er wohnt am Rande einer russischen Großstadt, ist Besitzer eines entfernten Dorfes und damit Herr und Eigner der dortigen Bewohner. Er lebt von den Erträgen seines Besitzes, die allerdings von Jahr zu Jahr weniger werden. Der einst stete Geldfluss lässt nach, weil der eingesetzte Verwalter korrupt ist und der neue ein noch windigerer Geselle und Beutelschneider ist, so erfährt man im Buch. Oblomow selbst in unfähig, seinen Besitz ökonomisch zu führen. Der running gag des Buches besteht darin, dass er große Pläne für sein Dorf hat, es als idyllischen und doch erfolgreichen Ort zu gestalten, er es aber nicht schafft, diese Pläne auch nur auf Papier zu bringen.

Leider erfährt man nichts darüber, ob die Einwohner des Dorfes vielleicht ein paar neue Flausen der Zeit im Kopf haben und nach Möglichkeit eher das Weite suchen als weiter als quasi Leibeigene zu schuften. Gelegentlich wird das angedeutet, aber nicht weiter ausgeführt. Die Dorfbewohner bleiben namenlos. Oblomows Pläne, so sie angedeutet werden, beinhalten aber immer eine Komponente des Glücks für die Bewohner.

Und Oblomow sitzt zu Haus, mit einem alten Diener, der mehr noch als Oblomow etwas verkörpert, was bereits als aus der Zeit gefallen erscheint: Die Nase noch oben als Diener eines adligen Geschlechts (wobei: so genau erfährt man das nicht), selbst aber längst unfähig, auch nur grundlegende Dienstleistungen auszuführen. Oblomow sitzt dabei weniger, mehr liegt er, und döst in Tag- bzw. ganz echten Träumen dahin. Solange er immer mal wieder Bedienstete erwischt, die den Haushalt halbwegs führen, mag es angehen. Tendenziell verstaubt und ergraut das Ambiente seines Zimmers allerdings, welches er immer seltener verlässt und in dem er kleinere Aufzeichnungen (mehr kriegt er meist energetisch nicht hin) oder wichtige Rechnungen aufgrund zunehmender Unordnung kaum wiederfindet.

So wäre, tatsächlich ganz banal, der Untergang einer Klasse beschreibbar, die es nicht schafft, sich an die neuen Bedingungen anzupassen, da sie selbst nicht in der Lage ist, produktiv oder auch nur steuernd zu wirken. Verdeutlicht wird das immer wieder an dem Counterpart, Andrej Stolz, geschäftstüchtig, immer unterwegs, neue Verbindungen zu knüpfen und Unternehmungen anzuschieben. Beide kennen sich aus Kindheitstagen und sind freundschaftlich verbunden. Doch alle Mühen Stolzes, Oblomow aus seinem Phlegmatismus zu lösen, scheitern letztlich. Die neue bürgerliche Schicht scheint der Gewinner, auch wenn es Oblomow am Ende nach einigen Wirren doch noch zu gelingen scheint, sich aus seiner städtischen Matratzengruft zu lösen und auf das Land zu reisen. Zu holen gibt es dort für ihn aber nicht mehr viel.

Aber zurück zu den Anarchisten: Warum war ihnen das so wichtig, sich von dem Nichtstuer Oblomow abzugrenzen und ihn immer wieder als Negativbeispiel für den Ausstieg aus der Gesellschaft anzuführen, damit das ja niemand verwechselt? Diese Gefahr scheint aus heutiger Sicht völlig überwertet: Niemand käme heute auf die Idee, Oblomow, so wie er im Buch geschildert wird, auch nur in die Nähe dieser zu rücken. Die sehr, sehr zaghaften Gedanken einer Verbesserung des Lebens „seiner“ Bauern taugen da ganz sicher nicht dafür. Richtung freier Gemeinschaft hat die literarische Figur Oblomow ganz sicher nicht gedacht. Und selbst ein Individualanarchismus a la Stirner würde wohl eher bei Stolz zünden denn bei Oblomow. Vielleicht hat Gontscharow mit dieser Figur aber nur etwas aufgegriffen, was in Russland selbst längst sprichwörtlich war. Und vielleicht enthielt dieses ggf. virulente Bild einige Komponenten, die diese verbindenden bzw. vergleichenden Gedanken dann doch nicht so abwegig erscheinen lassen. Dann aber, dann hat Gontscharow diese erfolgreich in seinem Buch ausgemerzt.

Es gibt aber auch eine zweite Variante: Modern würde man von der aftermath des Buches sprechen. So erschien bereits im gleichen Jahr wie das Buch (1859) von Dobroljubow eine umfangreiche Abhandlung über die „Oblomowerei“, die das im Buch gezeichnete Bild historisch präzisierte und vielleicht auch um die eine oder andere Komponente aufludt. Hier mag dann eine Beschreibung erfolgt sein, die Abgrenzung erforderte. Warum es den Anarchisten aber wichtig war, zu betonen, dass die Oblomowerei ganz furchtbar sei und mit ihnen nichts zu tun habe, müsste dann Teil einer spezifischen Betrachtung der russischen Literatur- und Gesellschaftsgeschichte des 19. und beginnenden 20.Jahrhunderts sein. Oder anders: HistMat at its best.

Ach ja, schade, dass in der vorliegenden Ausgabe der Übersetzer nicht angegeben ist. Bei Werken aus dem Russischen bringt das teils erhebliche Unterschiede.