Category Archives: Letzte Bücher

Letzte Bücher

Tyll

Ein Erfolgsautor, natürlich. Elegantes Schreiben, verschachtelte Erzählung und direkte Sprache wie aus dem Mund der Protagonistinnen und Protagonisten. Ein reiches Buch allemal. Historisch sowieso, aber auch, was die hervorgearbeiteten Themen betrifft: Reale Versionen von Lebensgeschichten, Erinnerungen, mögliche Zukünfte, Älterwerden, die biographische Frage der Generationen. Man findet und nimmt sich das, um was die eigenen Gedanken kreisen – das Berühren von Saiten, die schon gespannt sind. Alles andere klingt nicht.

Claus, Tyll, Nele und das „Winterkönigspaar“ setzen sich je auf ihre Weise mit den historische Ereignissen und ihrer Rolle darin auseinander: Sie erkunden, ertasten und testen ihre Stellung in ihrem wirren Zeitgefüge, welches alles scheinbar Gewisse durcheinanderwirbelt: Bedrückende Sicherheiten, unsichere Freiheiten – wo kann und will man hin?

Daniel Kehlmann: Tyll, Rowohlt 2017

Fundstücke des Alltags Letzte Bücher

Oblomow

Oblomow. Von einem gewissen Iwan Gontscharow. Kennt den eigentlich jemand weiter? So ohne Handy und Wikipedia? Aber Oblomow. Oder auch nicht? Nein, Oblomow ist bekannt, oder? Man muss nicht notwendig mit den Hauptlinien der anarchistischen Literatur Russland vertraut sein, um von Oblomow schon mal gelesen zu haben. Oder etwa doch? Nein, ich denke wahrscheinlich nicht. Schließlich finden sich auch so ausreichend Rezensionen zu dem Buch, wenn auch in Literaturlexika eher spärlich vertreten.

Und dennoch ist der Blick durch das Auge der Anarchisten um einiges spannender als die eher spröde Sicht des aufgeklärten, wissenden Bürgers, Oblomow als sprichwörtliche Entsprechung „für die Erstarrung und Passivität einer untergehenden Gesellschaft“ zu sehen. Aus heutiger Sicht bräuchte es den Roman zumindest darum nicht, das kann man auch kürzer und prägnanter schreiben als ausgewälzt auf fast 700 Seiten. Interessanterweise hatte der Autor dieser Sprichwörtlichkeit selbst schon ausreichend Vorschub geleistet: Die Bildung eines spezifischen Substantivs aus dem Namen des Haupthelden findet im Buch selbst schon statt: Oblomowerei. (Im Russischen spricht und liest sich das bestimmt schöner, обломовщина) Die Lebensart des Haupthelden als markante Stillinie zu zeichnen, die später sprichwörtlich werden kann, war also bereits unmittelbare Absicht des Autors. Es scheint auch gut möglich, dass er damit nur vorhandene Stereotype seiner Zeit wiedergegeben hat. Vielleicht gar der Name selbst keine literarische Erfindung? Jedenfalls ist es um eine Literaturkritik nicht gut bestellt, wenn man sich einfach in die mehr als hundert Jahre alte Erzählebene des Autors einschreibt und diese nur ein wenig mit einfach zu habender historischer Gewissheit anreichert.

Was macht den unser Oblomow nun? Nichts, so wird weithin kolportiert. Er wohnt am Rande einer russischen Großstadt, ist Besitzer eines entfernten Dorfes und damit Herr und Eigner der dortigen Bewohner. Er lebt von den Erträgen seines Besitzes, die allerdings von Jahr zu Jahr weniger werden. Der einst stete Geldfluss lässt nach, weil der eingesetzte Verwalter korrupt ist und der neue ein noch windigerer Geselle und Beutelschneider ist, so erfährt man im Buch. Oblomow selbst in unfähig, seinen Besitz ökonomisch zu führen. Der running gag des Buches besteht darin, dass er große Pläne für sein Dorf hat, es als idyllischen und doch erfolgreichen Ort zu gestalten, er es aber nicht schafft, diese Pläne auch nur auf Papier zu bringen.

Leider erfährt man nichts darüber, ob die Einwohner des Dorfes vielleicht ein paar neue Flausen der Zeit im Kopf haben und nach Möglichkeit eher das Weite suchen als weiter als quasi Leibeigene zu schuften. Gelegentlich wird das angedeutet, aber nicht weiter ausgeführt. Die Dorfbewohner bleiben namenlos. Oblomows Pläne, so sie angedeutet werden, beinhalten aber immer eine Komponente des Glücks für die Bewohner.

Und Oblomow sitzt zu Haus, mit einem alten Diener, der mehr noch als Oblomow etwas verkörpert, was bereits als aus der Zeit gefallen erscheint: Die Nase noch oben als Diener eines adligen Geschlechts (wobei: so genau erfährt man das nicht), selbst aber längst unfähig, auch nur grundlegende Dienstleistungen auszuführen. Oblomow sitzt dabei weniger, mehr liegt er, und döst in Tag- bzw. ganz echten Träumen dahin. Solange er immer mal wieder Bedienstete erwischt, die den Haushalt halbwegs führen, mag es angehen. Tendenziell verstaubt und ergraut das Ambiente seines Zimmers allerdings, welches er immer seltener verlässt und in dem er kleinere Aufzeichnungen (mehr kriegt er meist energetisch nicht hin) oder wichtige Rechnungen aufgrund zunehmender Unordnung kaum wiederfindet.

So wäre, tatsächlich ganz banal, der Untergang einer Klasse beschreibbar, die es nicht schafft, sich an die neuen Bedingungen anzupassen, da sie selbst nicht in der Lage ist, produktiv oder auch nur steuernd zu wirken. Verdeutlicht wird das immer wieder an dem Counterpart, Andrej Stolz, geschäftstüchtig, immer unterwegs, neue Verbindungen zu knüpfen und Unternehmungen anzuschieben. Beide kennen sich aus Kindheitstagen und sind freundschaftlich verbunden. Doch alle Mühen Stolzes, Oblomow aus seinem Phlegmatismus zu lösen, scheitern letztlich. Die neue bürgerliche Schicht scheint der Gewinner, auch wenn es Oblomow am Ende nach einigen Wirren doch noch zu gelingen scheint, sich aus seiner städtischen Matratzengruft zu lösen und auf das Land zu reisen. Zu holen gibt es dort für ihn aber nicht mehr viel.

Aber zurück zu den Anarchisten: Warum war ihnen das so wichtig, sich von dem Nichtstuer Oblomow abzugrenzen und ihn immer wieder als Negativbeispiel für den Ausstieg aus der Gesellschaft anzuführen, damit das ja niemand verwechselt? Diese Gefahr scheint aus heutiger Sicht völlig überwertet: Niemand käme heute auf die Idee, Oblomow, so wie er im Buch geschildert wird, auch nur in die Nähe dieser zu rücken. Die sehr, sehr zaghaften Gedanken einer Verbesserung des Lebens „seiner“ Bauern taugen da ganz sicher nicht dafür. Richtung freier Gemeinschaft hat die literarische Figur Oblomow ganz sicher nicht gedacht. Und selbst ein Individualanarchismus a la Stirner würde wohl eher bei Stolz zünden denn bei Oblomow. Vielleicht hat Gontscharow mit dieser Figur aber nur etwas aufgegriffen, was in Russland selbst längst sprichwörtlich war. Und vielleicht enthielt dieses ggf. virulente Bild einige Komponenten, die diese verbindenden bzw. vergleichenden Gedanken dann doch nicht so abwegig erscheinen lassen. Dann aber, dann hat Gontscharow diese erfolgreich in seinem Buch ausgemerzt.

Es gibt aber auch eine zweite Variante: Modern würde man von der aftermath des Buches sprechen. So erschien bereits im gleichen Jahr wie das Buch (1859) von Dobroljubow eine umfangreiche Abhandlung über die „Oblomowerei“, die das im Buch gezeichnete Bild historisch präzisierte und vielleicht auch um die eine oder andere Komponente aufludt. Hier mag dann eine Beschreibung erfolgt sein, die Abgrenzung erforderte. Warum es den Anarchisten aber wichtig war, zu betonen, dass die Oblomowerei ganz furchtbar sei und mit ihnen nichts zu tun habe, müsste dann Teil einer spezifischen Betrachtung der russischen Literatur- und Gesellschaftsgeschichte des 19. und beginnenden 20.Jahrhunderts sein. Oder anders: HistMat at its best.

Ach ja, schade, dass in der vorliegenden Ausgabe der Übersetzer nicht angegeben ist. Bei Werken aus dem Russischen bringt das teils erhebliche Unterschiede.

Letzte Bücher Ostdeutschland

89/90 (Roman)

89/90, also. Einen Roman so – wortlos – zu nennen, ist eher ungewöhnlich. Man setzt auf den Inhalt der Zahlen, darauf, dass damit ausreichend Assoziationen geweckt werden. 89/90, oder auch: „die Wende“, der Begriff, dessen historische diskursive Setzung im Buch selbst auch beschrieben wird.

Ein Roman zur Wende also, ein „Wenderoman“? Komischerweise wurde so etwas in den frühen 90er Jahren dringlich gefordert. Eine literarische Auseinandersetzung mit den massiven gesellschaftlichen Veränderungen, mit den Herausforderungen, vor denen die Menschen stehen. Doch die damaligen literarischen Großgewichte „lieferten“ nicht. Und die neue Generation war noch nicht in Sicht – eine  Generation, die selbst mittendrin war, die jung war, die auch Illusionen darüber hatte, was das Ziel der „Wende“ sein wird.

Peter Richter war 1989 Jugendlicher in Dresden, und in dem Buch beschreibt er schlicht das, was er erlebt, gedacht und erlitten hat. Die darin genannten Orte sind alle real, die Personen nur mit den Anfangsbuchstaben genannt, was den Eindruck von Authentizität noch stärkt.

Das Ganze liest sich dann auch eher als Bericht, denn als ein Roman. Und es ist – nicht nur gefühlt – sehr nah dran, an dem, was in Dresden in dieser Zeit passiert ist. So nah, dass, wenn das Buch genau so bereits in den 90er erschienen wäre, alle nur abgewunken hätten: „Na klar war’s so, warum ein Buch darüber? Wissen wir doch alle …“ Die fehlende literarische Reflexion der Erlebnisse wäre sicher beklagt worden.

Nun, 30 Jahre später, sieht das alles anders aus: Die Literaturkritik stellt beeindruckt fest, nie „so viel über die Wirklichkeit“ in einem Roman gelernt zu haben. Und ja, auch mir ging es letztlich so: Endlich jemand, der die Wirren jener Zeit detailliert und sachlich darstellt, ohne zu übertreiben, der das damalige Lebensgefühl trifft: Das letzte Wehrlager, die Schuldiskos mit „The Cure“, nächtliche Treffen im Freibad, die hilflosen Lehrer, die erst mächtige, später wankende Stasi, die ersten Cafés  in der Neustadt, die Nazis in den Straßen der Stadt und: die naiven Hoffnungen auf eine tatsächlich befreite Gesellschaft, die sich schnell in politische und kulturelle Randnischen verdrängt fanden.

Im zeitlichen Kern der „Wende“ waren Risse entstanden, die nicht nur durch Stadtviertel gingen, sondern auch durch Schulklassen: Man war plötzlich alternativ oder Nazi, was anderes war kaum möglich. Das hatte etwas Ähnlichkeit mit der unsäglichen Pegida-Bewegung in der Stadt: Man war dagegen oder dafür, und die Differenzen gingen auch hier durch persönliche Kreise. Und deren Versammlungen können durchaus als späte Wiederholungen der damaligen Kohl-Jubel-Veranstaltungen betrachtet werden, die in dem Buch eindrücklich geschildert werden.

Lesenswert machen das Buch auch die vielen kleinen Beobachtungen des Alltags der Wende: Etwa das Enttäuschtsein über die westlichen Punkbands, die man bisher nur von (schlechter) Konserve kannte und deren magisches Rauschen fehlte oder das großbürgerliche Verhalten der alternativen Jugendlichen beim ersten Urlaub in Bulgarien mit Westgeld, wo man plötzlich der King war und demonstrativ Bild-Zeitung las. Soziologische Phänomene wie Rollenfindung und kommunikatives Probehandeln wurden nie so eindrücklich und vollkommen unprätentiös beschrieben.

Dresden war selten ein Hort des Fortschritts. Um so sympathischer erscheinen auch rückblickend jene, die den Mut hatten, anders zu sein. In dem Buch erscheint dieses als ganz normales Verhalten von Jugendlichen, denen die Frage nach dem anderen Geschlecht genauso wichtig war wie die Frage nach der politisch-kulturellen Einstellung. Danke, Peter, dass Du daran erinnert hast.

Letzte Bücher

Homegoing

Vor einer Weile in die Hand gedrückt bekommen, angefangen zu lesen, immer tiefer eingetaucht, so genau nicht wissen wollen, faszinierend, erschütternd, ergreifend, begeistert.

first published 2016
Fundstücke des Alltags Letzte Bücher

Migration reloaded

„Ich verstehe mein eigenes Land nicht mehr. […] In den Geschichtsbüchern erzählen sie uns, dass sich die englische Rasse über die ganze verdammte Welt ausgebreitet hat: überall hingefahren und sich niedergelassen, und dass das zu den großartigen, fabelhaften englischen Taten gehört. Niemand hat uns eingeladen, und wir haben niemanden um Erlaubnis gebeten, nehme ich an. Doch wenn ein paar Hunderttausend kommen und sich unter unseren fünfzig Millionen niederlassen, dann können wir das einfach nicht ertragen.“

Absolute Beginners, Colin McInness, 1959

Letzte Bücher

BRD Noir

Seit Monaten lag das Buch nun herum, es wollte einfach nicht zu Ende gehen mit dem Lesen. Erst lange ganz liegen gelassen, dann irgendwann angefangen, im Sommerurlaub etwas kontinuierlicher, aber auch der hat nicht gereicht. Im Herbst dann wieder lange Pause, und nun, kurz vor Jahresschluss dann der Abschluss, unter dem Motto „was ich auch noch erledigen wollte“ …

Ja – dickes Buch, dicker Titel: „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969“. Ich mein‘, wer nennt denn bitte so einen Roman? Vielleicht eine Doktorarbeit in Psychologie, aber doch kein Buch, was sich verkaufen möchte.

Na gut, Rote Armee Fraktion ist schon mal ein möglicher Catcher, aber so richtig zieht das wahrscheinlich auch nicht mehr. „Größenwahnsinnig“, sagt einer der Rezensenten, deren Meinung immer schon auf dem Buch aufgedruckt ist. Doch so größenwahnsinnig fand ich es am Ende gar nicht, wenn ich vom schieren Umfang von mehr als 800 Seiten mal absehe.

Die bereits deutlich im Titel markierte Grundidee, die Entstehung der Roten Armee Fraktion nicht politisch, nicht gesellschaftshistorisch aufgeklärt mit dem Wissen der später Geborenen zu erzählen, sondern sich in die Zeit mit Hilfe eines „manisch-depressiven Teenagers“ hineinzuversetzen, ist eine letztlich absolut glaubwürdige Idee. Denn Frank Witzel gelingt es mit diesem Kniff, eine unglaubliches Gruselkabinett des Alltags der frühen und mittleren BRD (West) zusammenzutragen, wo man nicht anders als der Meinung sein kann, da zum Glück nicht dabei gewesen zu sein.

In den mehrfach verschachtelten Erzählsträngen geht am Ende aber die Versprechung, der verquorene Hauptheld hätte irgendetwas Substantielles zur Entstehung der RAF beizutragen, mehr und mehr verloren. Während am Anfang noch detailverliebt kleinere Verbindungssequenzen installiert werden, deren Fort- und Zusammenführung man am Ende irgendwie erwartet, lösen sich diese Verbindungen eher wieder auf. Man ist durch mit dem Buch, bleibt aber irgendwie ratlos. Wenn das Adjektiv „größenwahnsinnig“ meint, dass geformte Pläne nicht verwirklicht werden, dann gilt das wohl für dieses Buch.

Dennoch ist es legitim, eine Herz für Phantastereien zu haben, die uns die alltäglichen Selbstverständlichkeiten in Frage stellen lassen. Und wenn Frank Witzel mit den Versprechungen des Buchtitel aus meiner Sicht gescheitert ist, so hat er doch ein in wahrsten Sinne unglaubliches Stück deutsche Sozialgeschichte geschrieben, die sicher auch irgendwie die seine ist.

 

Frank Witzel: Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969, 2015

 

Letzte Bücher

Poesie und Wirklichkeit

Roberto Juarroz: Immer wieder – bei mir mit einigen Jahren Pause dazwischen – lesenswert. Der Blick auf das Wesentliche. Dieser Text ist einfach umwerfend, daneben fantastisch gesetzt im Tropen-Verlag:

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Letzte Bücher

Dialektik der Übergangsperiode

pelewin-dialektikViktor Pelewin, eine „lebende Legende“, ein „Kultautor“ und was weiß ich nicht alles. Vor mehr als zehn Jahren schrieb er dieses Buch hier: Ein typisch russischer Blick auf russische Verhältnisse! Viel Küchenesoterik, viel Pseudoalltag, viel Kitsch. Pelewin ist damit nicht besser als der Alltag selbst, sondern beweist nur, dass er mit offenen Augen und Ohren umhergeht. Ist das schon Kunst? Ja sicher. Ist es ein Roman? Eher nicht.

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Vor dem Fest

sasa-stanisic-vor-dem-fest Vor etwa anderthalb Jahren geisterte durch von mir gelesene Feuilletons immer wieder ein Buch. Den Titel merkte ich mir schnell, des Autors Namen war mir nicht immer direkt und sicher geläufig, man erkannte ihn aber wieder. Die Informationshäppchen, die hängen geblieben waren, sahen ungefähr so aus: Spielt im Osten (d.h. ehemalige DDR); ein Blick von außen; Darstellung eines Alltags einer skurilen Gegend, wobei skuril auch gern vor „Darstellung“ und „Alltag“ stehen kann. Negativ waren die Literaturkritiken eigentlich nie, eher auf eine ganz bestimmte Art zurückhaltend positiv, so als ob man sich nicht wirklich traue, das besonders Gute auch so zu nennen: Besonders gut eben. Dazu ist das Setting auch vielleicht zu befremdlich: Ein Autor vom Balkan schaut sich den Alltag in der Uckermark an. Und man weiß nicht recht, woher das befremdliche Element darin stammt. Von den absurden Elementen in der Erzählung, von dem Blick des Fremden auf die eigene, nun ja: Heimat, oder von den eigenen Unsicherheiten hinsichtlich des Alltags in der brandenburgischen Provinz. So landete das Buch zunächst in der Kategorie „Wenn ich mal viel Zeit habe und es mir über den Weg läuft, lese ich es vielleicht mal. Könnte unter Umständen interessant sein.“ Die eigene Unsicherheit lag auch im Titel begründet: Vor dem Fest, fast archaisch einfach, aber dennoch mit einer gewissen Magie versehen, von der man nicht wusste, inwiefern sie im Buch eine Rolle spielt. Die Rezensionen hatte sich in der Frage der Klärung des Titels auffallend zurückgehalten – oder nein: Es war schon beschrieben, aber es blieb stets ein gewisses Maß an Ungewissheit. Die beschriebenen Umstände konnten doch allein niemals rechtfertigen, dass diese rein zeitliche Angabe (vor dem Fest) zum Titel eines Buches gemacht wird. Da musste doch noch mehr dahinterstecken. Aber was? Das blieb im gefühlten Nicht-Umgang mit dem Buch ungeklärt. Der Titel deutet wohl auch – beabsichtigt oder nicht – ein tragisches Finale an: Auf dem Fest selbst, da wird was passieren. Oder eben kurz vorher, als Kumulation der Ereignisse. Und die Erzählweise des Buches nutzt genau dieses Spannungsmoment. Man erwartet stets das Unvorhersehbare, das Besondere, etwas, das alles über den Haufen wirft. Worin dies aber besteht, darin schwiegen sich die Rezensionen weidlich aus, und man fragte sich, warum dieser schwarze Fleck bestehen blieb.

Wahrscheinlich wäre es bei dieser Unsicherheit schlicht geblieben und das Buch irgendwann in der persönlichen Erinnerung versunken. Während des letzten eigenen Urlaubs in der Uckermark wurde ich aber beinahe mit Gewalt darauf gestoßen: Eine Bekannte hatte das Buch dabei, was ich mir dann doch gern auslieh. Und so saß ich an einem der zahlreichen uckermärkischen Seen und las und las. Las von launischen Fährleuten, las von Garagentrinkern, las von depressiven Ex-Stasi-Offizieren, las von Jugendlichen, die eine Ausbildung zum Glöckner machen, las von mythischen Dorfgeschichten, las von Geschichten, die in Heimatarchiven schlummern. Das wäre alles vielleicht gar nicht so aufregend, wenn man die Gegend nicht wenigstens als Tourist kennen würde, und wenn in den verschachtelten Erzählsträngen nicht eine fast provokative Unaufgeregtheit zum Tragen kommen würde. Der insgeheim erhoffte große Knall, die Erleuchtung des schwarzen Flecks bleibt am Ende aus. Und dennoch passieren quasi unter der Hand andauernd tragische, anrührende, mystische, unverständliche, menschliche Dinge, die vor der drohenden Gewalt des Titels aber allesamt verblassen. Man erwartet das Große und bekommt stattdessen eine Verkettung von alltäglichen Absurditäten. Genau darin besteht aber die Spannung und die Kraft des Buches. Die scheinbare Lethargie wird so zur erzählerischen Größe: Es passiert eigentlich nichts, man muss aber trotzdem unbedingt weiterlesen. Aber nein, es passiert doch was, sogar sehr viel. Aber es hat alles – um es mit Douglas Adams zu sagen – kosmisch gesehen überhaupt keine Bedeutung. Und trifft so am Ende sicherer als anderes den Charakter einer Gegend.

Nach dem Lesen wünschte ich mir, dass dieses Buch in jedem Buchladen und in jeder Tourist Information der Region vorrätig sein sollte. Gleich direkt an der Kasse, wo meist eh nichts Wertvolles liegt. Lest es, ihr Gäste, lest es ihr Einheimischen. Ein erster praktischer Test noch während des Urlaubs war negativ.

Saša Stanišić: Vor dem Fest, Luchterhand, München 2014

 

 

Letzte Bücher

Dresden, 1849

bakunin„Laßt uns die Schwerter ziehen, damit die Kette bricht … „ – so lautet der Titel eines Buches, welches vor nunmehr 15 Jahren im Karin Kramer Verlag in Berlin erschien und von Bernd Kramer stammt. Und im Untertitel geht es vielsagend weiter: „Michael Bakunin, Richard Wagner und andere während der Dresdner Mairevolution 1849“. – Was, wie bitte? Der Berufsrevolutionär Bakunin in einem Atemzug mit dem später staatstragend gewordenen Komponisten?

Vor 15 Jahren, als ich die Lesung des Autors dieses Buches besuchte, staunte ich nicht schlecht ob dieser Verbindung. Und ich staunte noch mehr, als der Autor seine Lesung damit begann, über das Wetter in jenen Tagen zu reden! Das Wetter, jawohl. Man fühlte sich sofort sorgend hineinversetzt in jene kurze Zeit, von der man trotz (oder wegen?) der „Diktatur des Proletariats“ auch in der DDR-Schulbildung so wenig wusste.

Bernd Kramers Interesse gilt natürlich eher Bakunin als Wagner, eher den einfachen Menschen, die hinter den Barrikaden standen, als den Machthabern im Dresdner Schloss. Jahrelanges Suchen in regionalen Archiven brachten eine Vielzahl von Dokumenten und Briefen zum Vorschein, die Kramer als Kaleidoskop dieses Aufstandes zusammenpuzzelt – dabei stets lieber den langen, originalen Wortlaut verwendend, als selbst kommentierend einzugreifen.

Letzteres beginnt man sich spätestens in der Mitte des Buches aber zu wünschen. Dass er bewusst auf eine chronologische Ordnung verzichtet, mag noch verständlich sein. Das auch als querzulesendes Buch gedachte Werk verliert aber spätestens dann sein Wirkung, wenn man sich nach der Vielzahl von Personen und Aspekten, die kursorisch dargestellt werden, eine Strukturierung, eine klärende Einordnung wünscht. Dass Kramer dazu das nötige Wissen als auch die entsprechende Fabulierkunst besitzt, wird an der einen oder anderen Stelle mehr als deutlich. Nur leider schläft sein Wille zur eigenen Gestaltung immer recht schnell wieder ein.

So bleibt am Ende eine sicher einmalige Ansammlung von archivarischen Besonderheiten, kleinen Schlaglichtern auf die Gedanken und das Erleben der Beteiligten des Aufstandes. Ein Verständnis für den Ablauf dieser Dresdner Tage des „Schlachtens“ kann man mit dem Buch aber leider nicht entwickeln. Höchstens für die nachfolgende grausame Verfolgung aller jener, die auch nur vermeintlich zu den Aufständischen zählten. Insbesondere der makabren Rolle der Frauenkirche als Stadtgefängnis in jenen Tag widmet sich Kramer mit großem Interesse, dabei auch den vor diesem Hintergrund eigentlich nicht tolerierbaren Wiederaufbau in den Blick nehmend.

Dennoch bietet das Buch einen nicht zu ersetzenden Einblick in diesen Aufstand. Zahlreiche zeitgenössische Abbildungen, bis hin zum Stadtplan jener Zeit incl. dem Standort aller Maibarrikaden, unterstützen das lebhafte Bild, welches beim Lesen entsteht.

Ja, wie war denn das Wetter vom 3. bis 9. Mai 1849 in Dresden? – Das muss man schon selbst lesen.

 

 

Bernd Kramer: „Laßt uns die Schwerter ziehen, damit die Kette bricht … “ Michael Bakunin, Richard Wagner und andere während der Dresdner Mai-Revolution 1849, Karin Kramer Verlag Berlin, 1999