Monthly Archives: September 2020

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Neptunation

„Neptunation“ – eine etwas gröbere Substantivierungsform im Sinne des eindeutigeren „Neptunisierung“ – hat Dietmar Dath zum Titel und Programm eines seiner jüngsten Science-Fiction-Romane gewählt. Das Spiel mit der möglichen Doppelbedeutung einer „Neptun-Nation“, frei und ungezwungen irgendwo da draußen, wurde sicher mit einkalkuliert.

Bereits bei den Liner Notes werden superlativierende Lorbeeren verteilt: „einzig relevanter deutscher SF-Autor“ usw.; nun ja, immerhin einer, der die richtigen Fragen stellt, sich nicht aufs Technische kapriziert, wie so viele, sondern gesellschaftliche Aspekte nicht nur andeutet, sondern sie in den Vordergrund seines Plots stellt (hierin gar weitergehend als die Legende Lem). Die Frage, was passiert mit den Menschen da draußen, ihren Vorerfahrungen und Verbindungen, die sie von der allzu gegenwärtigen Erde mitbringen? Jedenfalls gibt es in dem Roman keine „cleanen“ Charaktere und Systeme á la Enterprise. Die ganzen Verkomplizierungen aus den Fraktionenbildungen mit Referenzen an die höchst gegenwärtigen politischen Probleme auf der Erde würde als Komplexitätsraum für die Entwicklung des Roman völlig ausreichen, solchen technischen non-sense wie „die vom Licht Gelesenen“ sind überflüssig und passen nicht recht ins Bild.

Dass die sich nur sehr langsam enthüllende „Neptunisierung“ so ihre Tücken hat, wird nach ca. 2/3 des Buches der Protagonistin Heike Breuer in dem Mund gelegt: Es sei etwas, „was hier alle nur noch die Neptunenttäuschung nennen“. Und weiter: „Und im Alltag merkt man’s nicht, weil alles unterhalb der Bewusstseinsschwelle läuft, da sind sie dann ganz gewöhnliche Menschen, wo im Hintergrund halt gerechnet wird. Aber wenn die Allgemeingleichzeitigkeit an ist, so wie jetzt, weil es irgendeinen riesen Job gibt, […] na, haste ja gesehen: Dann geht im Oberstübchen das Ich-Licht aus.“

So einfach ist es also nicht, die letzte sozialistische Weltraummission ausfindig zu machen, in der Hoffnung, vielleicht irgendwo mehr Gutes zu finden, als auf der Erde, die man für solch ungeheures Wagnis irgendwie doch gern hinter sich lässt. Dath präsentiert eine nicht nur technisch, sondern auch psychisch „abgefahrene“ Variante einer am Ende keineswegs wünschenswerten Zukunft, nicht zuletzt, da die Kontrolle der alten Instanzen von der Erde allgegenwärtig ist. Nur ein absolut sinnloses und erstaunlich lebhaft geschildertes Gemetzel scheint ein Ausweg zu sein. Naturgesetze drehen dabei wild ihre Wirbel und werden von den Füßen auf den Kopf gestellt. Eine Beherrschung der neuen Prinzipien scheint zwar möglich, bleibt aber ein va-Banque-Spiel.

Nicht erleichtert wird das Lesen, dass der eigentliche Fortgang der Geschichte chronologisch rückblickend erfolgt und betont beiläufig erklärt wird. Erst gegen Ende erfährt man so, dass es nach der Mission der FRIES/FIRAT, die man mehr oder weniger begleitet, eine weitere (amerikanische) Mission Richtung Neptun gab, die vor der ersten da war („1/7 der Zeit“).

Am Ende entblättert sich die „Neptunation“ doch als oberstes Prinzip von allem, personen- und gesichtslos, als Prinzip, was alle Prinzipien vereint: Zeitreisen, evolutionäres Uplifting, Möglichkeitswelten, Diff, Sonnenmenschen etc. Auch wenn die dazu hinführende Erzählung insgesamt etwas wirr und für meinen Geschmack etwas arg längliche und überdetaillierte Kampfszenen beinhaltet, es bleibt ein positiver Grundgedanke: Die kompromisslose Suche nach Freiheit, nach Freiheit von den bekannten Zwängen der irdischen Prinzipien, die auf das Existieren von Nationen genauso aufbauen wie auf den bekannten Naturgesetzen: Der unverrückbare Glaube, dass es etwas gibt, was jenseits der Machtspielchen irdischer Politiker bzw. Militärstrategen liegt. Dieser eigentliche Grundgedanke geht im Wust aus ergänzenden Ideen, Theoremen, Verwicklungen oftmals unter. Und auch die finale Pointe ist zu oft bemüht, zu gewaltmäßig passend. Fazit: Da wäre mehr drin gewesen.

Dietmar Dath: Neptunation (Roman), 2019

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Heym: Lassalle

Na klar, der Heym mal wieder … Seien es die Lenz-Papiere, die Tage im Juni oder die Crusaders: Mit „Lassalle“ hat er sich und der Geschichte der Deutschen Arbeiterbewegung gleichwohl ein Denkmal gesetzt – falls das im ersteren Falle notwendig gewesen wäre. Die Klaviatur von Verbindungen politischer, gesellschaftlicher und privater Stränge hat wohl keiner so beherrscht wie er.