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It’s Kapitalismus, Baby …

Identitätsfragen waren mal wichtig und produktiv für eine Linke in der Sackgasse, heute verkleistern sie eher, als dass sie weiterhelfen. Bernd Stegemann hat stattdessen mal wieder die Klassenfrage gestellt, und wundert sich, dass das Bewusstsein dafür eher auf Seiten des Kapitals ist.

https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/wem-die-zwietracht-nuetzt

Wenn im aktuellen „shut down light“ nun immer mehr Wirtschaftszweige staatliche Unterstützung einfordern (von Airlines bis zu Techno-Klubs), kann man eigentlich nur sagen: „It’s Kapitalismus, Baby …“ Wem das zuviel an Freiheit ist, der ist dann sicher auch für umfassenden Investorenschutz in internationalen Handelsverträgen. War da eigentlich was?

Neptunation

„Neptunation“ – eine etwas gröbere Substantivierungsform im Sinne des eindeutigeren „Neptunisierung“ – hat Dietmar Dath zum Titel und Programm eines seiner jüngsten Science-Fiction-Romane gewählt. Das Spiel mit der möglichen Doppelbedeutung einer „Neptun-Nation“, frei und ungezwungen irgendwo da draußen, wurde sicher mit einkalkuliert.

Bereits bei den Liner Notes werden superlativierende Lorbeeren verteilt: „einzig relevanter deutscher SF-Autor“ usw.; nun ja, immerhin einer, der die richtigen Fragen stellt, sich nicht aufs Technische kapriziert, wie so viele, sondern gesellschaftliche Aspekte nicht nur andeutet, sondern sie in den Vordergrund seines Plots stellt (hierin gar weitergehend als die Legende Lem). Die Frage, was passiert mit den Menschen da draußen, ihren Vorerfahrungen und Verbindungen, die sie von der allzu gegenwärtigen Erde mitbringen? Jedenfalls gibt es in dem Roman keine „cleanen“ Charaktere und Systeme á la Enterprise. Die ganzen Verkomplizierungen aus den Fraktionenbildungen mit Referenzen an die höchst gegenwärtigen politischen Probleme auf der Erde würde als Komplexitätsraum für die Entwicklung des Roman völlig ausreichen, solchen technischen non-sense wie „die vom Licht Gelesenen“ sind überflüssig und passen nicht recht ins Bild.

Dass die sich nur sehr langsam enthüllende „Neptunisierung“ so ihre Tücken hat, wird nach ca. 2/3 des Buches der Protagonistin Heike Breuer in dem Mund gelegt: Es sei etwas, „was hier alle nur noch die Neptunenttäuschung nennen“. Und weiter: „Und im Alltag merkt man’s nicht, weil alles unterhalb der Bewusstseinsschwelle läuft, da sind sie dann ganz gewöhnliche Menschen, wo im Hintergrund halt gerechnet wird. Aber wenn die Allgemeingleichzeitigkeit an ist, so wie jetzt, weil es irgendeinen riesen Job gibt, […] na, haste ja gesehen: Dann geht im Oberstübchen das Ich-Licht aus.“

So einfach ist es also nicht, die letzte sozialistische Weltraummission ausfindig zu machen, in der Hoffnung, vielleicht irgendwo mehr Gutes zu finden, als auf der Erde, die man für solch ungeheures Wagnis irgendwie doch gern hinter sich lässt. Dath präsentiert eine nicht nur technisch, sondern auch psychisch „abgefahrene“ Variante einer am Ende keineswegs wünschenswerten Zukunft, nicht zuletzt, da die Kontrolle der alten Instanzen von der Erde allgegenwärtig ist. Nur ein absolut sinnloses und erstaunlich lebhaft geschildertes Gemetzel scheint ein Ausweg zu sein. Naturgesetze drehen dabei wild ihre Wirbel und werden von den Füßen auf den Kopf gestellt. Eine Beherrschung der neuen Prinzipien scheint zwar möglich, bleibt aber ein va-Banque-Spiel.

Nicht erleichtert wird das Lesen, dass der eigentliche Fortgang der Geschichte chronologisch rückblickend erfolgt und betont beiläufig erklärt wird. Erst gegen Ende erfährt man so, dass es nach der Mission der FRIES/FIRAT, die man mehr oder weniger begleitet, eine weitere (amerikanische) Mission Richtung Neptun gab, die vor der ersten da war („1/7 der Zeit“).

Am Ende entblättert sich die „Neptunation“ doch als oberstes Prinzip von allem, personen- und gesichtslos, als Prinzip, was alle Prinzipien vereint: Zeitreisen, evolutionäres Uplifting, Möglichkeitswelten, Diff, Sonnenmenschen etc. Auch wenn die dazu hinführende Erzählung insgesamt etwas wirr und für meinen Geschmack etwas arg längliche und überdetaillierte Kampfszenen beinhaltet, es bleibt ein positiver Grundgedanke: Die kompromisslose Suche nach Freiheit, nach Freiheit von den bekannten Zwängen der irdischen Prinzipien, die auf das Existieren von Nationen genauso aufbauen wie auf den bekannten Naturgesetzen: Der unverrückbare Glaube, dass es etwas gibt, was jenseits der Machtspielchen irdischer Politiker bzw. Militärstrategen liegt. Dieser eigentliche Grundgedanke geht im Wust aus ergänzenden Ideen, Theoremen, Verwicklungen oftmals unter. Und auch die finale Pointe ist zu oft bemüht, zu gewaltmäßig passend. Fazit: Da wäre mehr drin gewesen.

Dietmar Dath: Neptunation (Roman), 2019

Heym: Lassalle

Na klar, der Heym mal wieder … Seien es die Lenz-Papiere, die Tage im Juni oder die Crusaders: Mit „Lassalle“ hat er sich und der Geschichte der Deutschen Arbeiterbewegung gleichwohl ein Denkmal gesetzt – falls das im ersteren Falle notwendig gewesen wäre. Die Klaviatur von Verbindungen politischer, gesellschaftlicher und privater Stränge hat wohl keiner so beherrscht wie er.

100Jahre

Auch ganz nett

Unbegreifliches

„Aber es lag nicht in seiner Art, Unbegreifliches unbedingt begreifen zu wollen.“

Jonas Jonasson, Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand, S. 319

Bild am Strassenrand

Es ist kurz vor Weihnachten, ich bin in meinem Viertel unterwegs, vermutlich war es zum Einkaufen. Im ganzen Stress streift der Blick doch ein wenig. Vor mir, auf der Steinkante einer Baumeinfassung liegend, entdecke ich einen kleinen lila Bilderrahmen. Ohne diese markante Farbe wäre er mir vielleicht nicht aufgefallen. Ich schaue genauer hin: Im Rahmen steckt ein Foto, leicht verblasst. Dass es aus vordigitaler Zeit stammt, machen nicht nur die Farben deutlich, sondern auch das Motiv. Ein Mann sitzt in seinem Auto mit laaaanger Motorhaube, neben dem Auto, die Hand vorsichtig darauflegend, steht eine Frau mit Bluse und Schlaghose. Gut, mit anderer Kleidung ist das Motiv auch heute wohl nicht so abwegig, aber irgendwie hat es mich vergangene Zeiten versetzt: Als man mit seinem Auto posierte (privat und nicht öffentlich im Netz der Netze), und diese Fotos in familiärem Kontext (per Luftpost?) um die Welt schickte. Vielleicht fand dieses sicher aus den USA stammende Foto auch einen anderen Weg hierher. Schade eigentlich, dass es jemand für entbehrlich hielt. Mitnehmen habe ich mich nicht getraut, vielleicht war es auch eine Installation. Aber ein Foto konnte ich mir nicht verkneifen …

Specialized Expert Carbon

Nee, kein Rad. Ein Specialized hatte ich noch nicht. Aber durch Zufall bin ich mal auf diese Schuhe hier gestoßen, im örtlichen Radladen nämlich. Das war 2014 oder so. Schuhe mit Klicks hatte ich schon, aber das war damals zu Studentenzeiten das billigste Budget-Modell von Shimano gewesen, Look eher Wanderschuh, und sauschwer. Haben aber auch ein paar Jahre gehalten. Dann also irgendwann mal die Ersten, die auch nach ordentlichen Radschuhen aussahen. Aber 200 Tacken für Radschuhe? Nee, eigentlich nicht. Naja, wie das in den Radläden so ist, manchmal muss der Kram raus. Optisch hatten sie mich sowieso schon überzeugt, als dann der Preis bei 120 lag (und noch ein Rabbattkärtchen im Briefkasten lag), musste ich dann handeln. Was soll ich sagen? Nicht nur MTB, auch Rennrad bin ich viele Jahre damit gefahren, alles mitgemacht, Gebirge, Flachland, Schlamm, Sonne, Regen. Sechs Jahre und tausende Kilometer später ist dann Schluss: Die Sohle löst sich ab, eine der vorderen Schrauben in der Sohle fehlt bereits seit längerem, die Gummi-Bereiche neben den Klicks sind mehr oder weniger abgelaufen, so dass ich im Vorderfuß fast nur noch auf Metall laufe. Daher dann der Entschluss: Ende Gelände! Für’s Rennrad gibt es seit ca. zwei Jahren sowieso eine Alternative im Schrank, für’s MTB (und den Crosser) waren nun dann doch mal Neue fällig. Ich bin gespannt, ob der neue Plastikkram genauso lange hält … Einfach beobachten, wann diese Schuhe hier landen 🙂

Love & Hate

Neulich an der Badestelle am See: Eine junge Mutter spielt liebevoll mit ihrem Kleinen im Sand. Auf dem vom Wasser triefnassen Body steht: „Mit Liebe gemacht“. Ganz nett soweit. Als die Mutter dann mit ihren beiden mit anwesenden Freundinnen und dem Kind davondackelt, lese ich hinten auf ihrem T-Shirt: „I hate you all.“ Na gut.
Aber es wird schwierig, die Botschaften in ein System zu ordnen.

Jam Session mit der Zukunft

„Viele Menschen wollen nicht wahrhaben, dass wir uns in einer Art Jam Session mit dem Universum befinden und daß die Erschaffung einer wirklich menschlichen Gesellschaft möglicherweise mehr eines künstlerischen Ansatzes bedarf als eines wissenschaftlichen.“

Frank Herbert (1920-1986), SF-Autor, u.a. „Dune“

Hufeisen im Hirn

Ach ja, die Geschichte der CDU im Osten. Von der Blockparteiensache mal abgesehen … Die anmaßende Selbstgerechtigkeit Anfang der 90er in Sachsen, wo man mehr oder weniger allein regieren konnte; die neuen Apparatestellen nach eigenem Gutdünken besetzen konnte; die Grundidee eines staatsfernen Rundfunks noch nicht so ganz begriffen hatte; ja, da war alles, was noch ein bisschen mehr Demokratie und/oder ein besseres Leben wollte, links und damit so gut wie rechts und daher durch die CDU nicht weiter zu beachten. Die Delegitimierungsalgorhytmen von politischem Engagement sind mir leider noch gut im Ohr.
Wenn es dazu mal eine vernünftige Forschungsarbeit gibt, bitte ich um Benachrichtigung.

Für’s erste der Artikel im Freitag zum Thema:
der Freitag – Hufeisen im Hirn (Ausgabe 45/2019)