Sven Thiermann

for me and you and everything we do

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Hallo!

Dinge, die mich persönlich interessieren, finden sich unhierarisch in den Blog-Kategorien.

Früher habe ich auch mal als Lehrer hier Informationen für Schülerinnen und Schüler bereitgestellt. Die waren nun nach vielen Jahren doch hoffnungslos veraltet, viele Links existierten nicht mehr etc. Daher habe ich das jetzt abgeschaltet. Wer davon noch was wiederfinden will, findet das sicher über die wayback-Maschine bzw. kann mich auch anschreiben.

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s.t.

Luhmann: Gesellschaftsstruktur und Semantik

Sozialgeschichte ist immer dann spannend, wenn sie die umgebenden Strukturbedingungen in den Blick nimmt, versucht, Begründungen für Entwicklungen zu liefern, statt sie schein-ontisch zu setzen – und vor allem: Zu begründen, warum bestimmte Entwicklungen nicht eingetreten sind, nicht von Dauer waren bzw. durch andere abgelöst wurden. Klassisch hat dies der materialistische Ansatz geliefert. 

Dass auch dies nicht immer Letzterklärungen liefert, dass menschliches Handeln immer auch gewisse Freiheitsgrade jenseits äußerer Vorbestimmungen aufweist (je nach Klasse bzw. Schicht mit mehr oder weniger großer Spreizung), ist einem soziologisch interessiertem Blick immer bewusst. Diese „Optionen“ stellen nun keine beliebigen Öffnungen von Möglichkeitsräumen dar, sondern sind an soziale Aspekte der Interaktion, Moral- oder Religionsbegründungen rückgebunden.

Die aber damit zusammenhängenden Mechanismen en detail analysiert zu haben, ist das große Verdienst dieses Buches. Speziell die fragilen gesellschaftlichen Übergangsphasen wurden beispielhaft am 17./18. Jahrhundert in Westeuropa mit der thematischen Herauslösung von Religion und Moral aus den schichtspezifischen Interaktions- und Selbstbestätigungsformen (bei Luhmann vor allem der Oberschicht) eindrücklich analysiert. Anhand der damit einhergehenden stärkeren Selbstreferenzierungen kommunikativen Verhaltens wird sehr anschaulich der Übergang von „stratifikatorischer“ zu „funktionaler Differenzierung“ der Gesellschaft beschrieben.

Aspekte von Individualität, Glück oder statusbegründender Leistung konnten Luhmann zufolge ab bestimmten Phasen nur noch auf bestimmte Weise interaktiv geteilt werden, da sich die bisherigen Referenzpunkte (vor allem Religion, aber auch Schichtzugehörigkeit und der damit unverhandelbar einhergehende soziale Status) zwar nicht auflösten, aber selbst neu interaktiv verhandelt wurden. 

Die damit oft einhergehenden Ambivalenzen Individualität/Status, Moral/Selbstbild und nicht zuletzt Freundschaft/Moral mussten zumindest soweit geregelt werden, dass gesellschaftlich darauf Bezug genommen werden konnte. Auch die schönen Sublimierungen (bzw. „Involutionen“, wie Luhmann schreibt), die „innere Verfeinerung“ bestehender (hier ausschließlich: höfischer) Interaktionsmuster, um nach Wegfall externer Legitimationspunkte wie Religion oder „Status qua Geburt“ sich selbst irgendwie zu erhalten, sind am Beispiel der höfischen Sitten fein herausgearbeitete Beobachtungen. 

Was bleibt, ist einerseits der faszinierende, weil interaktionstheoretisch begründete Blick auf gesellschaftliche Handlungsräume. Wenn man dies noch mit einer auch materiell begründeten Sozialgeschichte verbinden würde, könnten weitere spannende Einblicke evoziert werden.

Denn voraussetzungslos waren die von Luhmann beschriebenen gesellschaftlichen Verschiebungen gesellschaftlicher Semantiken keineswegs, auch wenn sie selbst wiederum ganz konkrete soziale Folgen hatten.

Dostojewski Idiot

Früher, als ich noch viel mit dem Zug zu Freunden unterwegs war, hatte ich eine Weile auch mal eine Taschenbuchausgabe des „Idioten“ dabei. Vom Insel-Verlag, glaube ich, Dünndruck, klar, anders geht es nicht. Ich mochte das Buch, es war schon leicht abgegriffen und fühlte sich eben so an, wie sich ein Buch anfühlen sollte. Irgendwie ist es mir aber im Laufe der Zeit und der Umzüge abhanden gekommen. Zum Inhalt hatte ich kaum Erinnerungen, ich wollte es aber noch einmal lesen. Aus einem Mix aus Bequemlichkeit und Praktikabilität habe ich mir daher den Text in eine Bücherlese-Applikation geladen. Das hatte den Vorteil, dass das Gerät trotz der mehr als tausend Seiten im Prinzip nicht schwerer war als vorher.

Und wenn man schon mal im Digitalen unterwegs ist, habe ich gleich an Angriff genommen, was ich damals schon plante und im Einband des verschollenen Buchexemplars glaube ich auch schon begonnen hatte: Eine Namensübersicht der handelnden Charakter, idealerweise verbunden mit der graphischen Darstellung der Beziehungen untereinander. Es ist ja nicht nur bei Dostojewski so, aber dort ganz besonders: Die häufig wechselnde Verwendung in der Bezeichnung der Person zwischen Familiennamen und Vornamen plus Vatersnamen, das ganze bei 20 bis 30 Personen mit insgesamt recht gleichklingendem Namenssound – da verliere ich beim Lesen schon mal die Übersicht. Oft war es so, dass man nicht sofort wusste, wer aktuell gemeint ist, sich aber über die nachfolgende Handlung wieder orientieren konnte. Das ist okay, schützt aber nicht vor Irrtümern, gerade bei den vielen Wendungen, welche die Dostojewskischen Geschichten so haben. Daher also von Anfang an die Personen mitgeschrieben (zwischendrin anfangen macht keinen Sinn), und versucht, auch die Beziehungen zu erfassen. Wer also mal den Idioten lesen möchte, kann sich folgendes pdf zur Übersicht daneben legen.

Das Lesen ist natürlich zu empfehlen, nicht nur aufgrund der zum himmelschreienden Dekadenz des alten Adels, des sinnlosen Strebens nach Staats-„Ämtern“, in denen man nichts tut aber ein entsprechendes Auskommen hat. Schön ist das ganz am Rand in einer Episode zum Eisenbahnbauwesen dargestellt. Aber, lest selbst …

Der Idiot – Cheat Sheet

Verpfiffen

Ach ne, Fußball. Jetzt auch noch als Thema hier. Aber wenn’s doch so aufregend ist … Gleich mal ganz hoch ins Regal gegriffen, nämlich die schnöde Bundesliga. Ja, genau die Liga, wo meine Kinder bisher nur einen Sieger kennen. Öde. Langweilig. Kein Wettbewerb. Wegkauf der besten Spieler von denjenigen Klubs, die es doch mal schaffen, in Schlagweite zu kommen. Zuletzt gleich zwei Spieler plus Trainer auf einen Schlag vom härtesten Konkurrenten abgeworben. Nun ja, ist halt irgendwie auch nur Kapitalismus. Wobei: Ist ja ein Verein, oder? Da ging es neulich auf der MV ja auch ordentlich sachlich zu 🙂

Schlimmer als dieser geldbasierte Nicht-Konkurrenzkampf ist allerdings, das alte Schiedsrichter-Seilschaften hier offenbar noch kräftig mitmischen. Herr Zwayer, Protegé der alten, selbstherrlichen Garde, hat also mal wieder ein Bayern-Spiel nicht zu deren Ungunsten verpfiffen. Wir erinnern kurz: DFB-Pokal 2017. Blutgrätsche von Vidal, kein Elfmeter, nichtmal eine Karte, fragwürdiges Gelb-Rot für Keita, schön nachzulesen hier:

https://www.spiegel.de/sport/fussball/fc-bayern-siegt-im-dfb-pokal-bei-rb-leipzig-mit-zwayerlei-mass-a-1174761.html

Auch damals war schon der Kalauer vom „zwayerlei Maß“ gebräuchlich, den der Dortmunder Trainer jüngst in seiner verständlichen Wut wieder aufgriff. Also dieser Typ, dessen Mitbelastung in der Hoyzer-Affäre vom DFB, so liest man heute, wenigstens wissentlich vertuscht wurde, der Bayern schon mal verpfiffen hat, wird hier eingesetzt. Und siehe da, mindestens zweimal komplett daneben entschieden. Und beim unglücklichen Zusammenprall von Brandt mit einem Bayernspieler, den ersterer benommen zu Boden sinken ließ, hob er noch zunächst den Arm für einen Bayernfreistoß.

Alles irgendwie wie früher: Wenn der BFC ins Dynamo-Stadion kam, wurde genau das regelmäßig erwartet.

(Nachtrag ein paar Wochen später: Das wird ja immer seltsamer. Am 30.12.21 informiert der DFB, Herrn Zwayer vorerst nicht mehr Spielen des BVB einzusetzen. Als ob der BVB das Problem wäre! Wie aus der unzweideutigen Parallele zum RB-Spiel klar erkennbar, geht es hier um die Bayern. Seine Nicht-Ansetzungen bei deren Spielen wäre daher die einzig richtige Entscheidung gewesen.

So, und sei es damit nicht genug: Nur wenige Tage noch obiger Entscheidung teilt der DFB am 09.01.22 mit, Herr Zwayer sei „bis auf weiteres nicht aktiv“. Wer das entschieden hat, bleibt selbstredend offen. Wenn der Oberförster, Entschuldigung, Oberschiedsrichter Fröhlich mitteilt, Zwayer wolle mental wieder zu sich kommen, klingt das erstens nach einer freiwilligen Ruhepause und schiebt zweitens mal wieder indirekt die Schuld Richtung BVB. Beides darf grundlegend bezweifelt werden. Es scheint eher, dass der DFB hier nach einer Möglichkeit gesucht hat, die Sache möglichst geräuschlos aus dem Weg zu schaffen. Das sportschau.de das nicht checkt und einfach blind übernimmt, ist auch nicht gerade ein Zeichen von engagiertem Journalismus.)

Dolomiti 2015

Tag 1

Im Sommer 2015 wollte ich endlich mal ein paar richtige Pässe fahren: Im sicheren Sonnenschein endlose Serpentinen mit atemberaubenden Höhen, Ausblicken und Anstrengungen. Letztlich ist es genau das geworden, nur die unglaublichen Mengen Schweiß hatte ich vorher nicht ernsthaft erwartet. Aber lest selbst, los geht’s mit Tag 1 …

furkelpass

Unterwegs am Rothsee übernachtet (und im schon fast ganz Dunklen nochmal gebadet), heute morgen dann zeitig weiter. Das war auch ganz gut so, denn über’n Brenner war ganz schön Verkehr. Gegen 13 Uhr bin ich dann endlich am Hotel angekommen: Sehr schöne Lage in St. Vigil und prima Ausstattung – so nobel habe ich bisher nicht Urlaub gemacht.
Bin eigentlich recht müde und erschöpft gewesen, habe mich nach dem Auspacken des Autos dann aber doch dazu entschieden, gleich noch eine kleine Warmup-Runde zu drehen.
Interessant schien der kurze und wohl nicht allzu schwere Anstieg zum Furkelpass (ca. 1700m), direkt aus dem Ort, der selbst schon auf 1100m ü. NN liegt. Also gemütlich umgezogen und losgemacht – aber puuuh!
Die paar Serpentinen lagen in der vollen Sonne, bei über 30 Grad und bis zu 15% Steigung war es doch deutlich mehr als ein „Warmfahren“. Bis hoch waren es nur ca. 9km, unterwegs aber immer wieder kurz angehalten, um den Puls wieder zu beruhigen. Die Höhe ist man als Brandenburger wahrscheinlich auch nicht gerade gewöhnt.
Oben Passfoto geschossen und ein bisschen umgeschaut. Rundrum gehen Skilifte zum Kronplatz hoch, hier muss im Winter höllisch was los sein.
Heute nachmittag ging’s aber, die recht schmale Straße war auch nicht allzu sehr befahren. Zum Anschluss also wieder runtergerollt, treten musste ich bis zur Unterkunft eigentlich nicht mehr … Aber auch das Abfahren will geübt sein, man muss ein Gefühl dafür entwickeln, welche Verzögerung eine Rennradfelgenbremse so maximal bietet – der Hammer ist’s nicht 🙂

blick_nach-draussen

So, jetzt ist gleich Grillabend im Garten unten, habe heute noch nichts richtiges gegessen …

Welche Tour es morgen sein wird, habe ich noch nicht entschieden. Irgendwas mittleres, noch nicht die ganz großen Runden. Mal sehen. Im Prospekt des Ortes, welchen ich bei der Anmeldung erhielt, stehen auch ein paar interessant klingende Mountainbiketouren. Eine davon werde ich mir sicher auch mal vornehmen.

Tag 2

Gestern abend im netten Gespräch mit dem Hausherrn, selbst ein passioniertes Rennradfahrer, habe ich mich dazu hinreißen lassen, heute die Cortina d’Ampezzo-Runde zu drehen.
Also keine Ausreden heute morgen, das Wetter sollte ja stabil sein, da muss auch genutzt werden. Er hat mir nochmal ganz im Detail die Runde beschrieben und erklärt, worauf ich achten soll – toller Service von jemanden, der sich wirklich auskennt, und nicht nur so tut.
Von St.Vigil runtergerollert bis Zwischenwasser und dann langsam, aber kontinuierlich das Gadertal bis La Villa hochgeschraubt. Statt rechts zum gut frequentierten Grödner Joch bin ich links zum Passo di Valparola.

valparolo

Ein wunderschöner Anstieg, herrlichen Felsensicht rundrum und zum Glück auch teilweise bewölkt, sodass es nicht zu heiß war. Kurz hinter dem Pass parkten viele Autos, da man von hier aus relativ bequem die umliegenden Gipfel zu Fuss erklimmen kann – oder zumindest bis ganz in ihre Nähe kommt. Dann leichte Abfahrt zum Passo Falzarego und von da Schussfahrt bis Cortina d’Ampezzo.
Das Zentrum habe ich auf Anraten leicht umfahren, aber noch im Ort ging schon der nächste Anstieg los, hinauf zum Tre Croci.

valparola

Von da Abfahrt nach zum Misurina-See, kurz vor dem See kam aber nochmal ein kleiner Anstieg, auf den ich überhaupt nicht eingestellt war – nun ja.
Am See herrliche Rundrumsicht, nur die berühmten Drei Zinnen waren leider teilweise in den Wolken verschwunden. Am Kiosk Postkarten gekauft, am Brunnen Wasser aufgefüllt und dann laaaaange Abfahrt bis zum Pustertal und selbiges bis Bruneck gleichfalls leicht, aber kontinuierlich bergab. Unterwegs noch schnell an einem Imbiss angehalten, da die Beine langsam ziemlich leer waren und ein Stück Anstieg am Ende stand ja noch bevor. Dann die Hauptstraße das Gadertal hoch. Die vier im unteren Abschnitt befindlichen Tunnel kann man auf der alten Straßentrasse umfahren – links steile Felswand, geradeaus eine alte, schmale, halb zugewachsene Straße und rechts direkt runter der Abhang zum Fluss – sehr idyllisch. So ging es bis Zwischenwasser. Von da ab aus dem Gadertal raus und nochmal relativ steile 3 km bis St. Vigil hoch. Fertig. Wirklich.
Aber wunderschön!

Tag 3

Zur Abwechslung sollte es heute eine Mountainbiketour sein. Nur ca. 60km, einfach das Val de Tamersc bis Pederü hochrollern und dann ein bisschen zu den oben liegenden Hütten klettern – hinterher wieder runterrollern. So dachte ich jedenfalls …

mtb-1

Aber am Ende war es härter als gestern: Bergan-Strecken, die kaum fahrbar waren (steil, lose und z.T. sehr große Steine), Hitze, Bergab-Strecken aus den gleichen Bedingungen auch nur sehr vorsichtig fahrbar. Hat alles ewig gedauert, die geringe Geschwindigkeit, die z.T. kaum über der der Wanderer lag, brachte auch keinen Fahrtwind.
Trotzdem hoch bis zur Refugio Fanes, kleine Pause gemacht, im Bach erfrischt, Hefebier getrunken. Weiter bis zur Hütte Gran Fanes – da hätte man einfach umdrehen können, wäre auch okay gewesen, wollte ich aber nicht. Zeit war ja noch.
Also das Val de Fanes runter, fast unten an den grandiosen Cascades de Fanes Halt gemacht. Vom Rastplatz führte ein schmaler Pfad („Via Ferrata“) bis zum Wasserfall. Unten ab dem Parkplatz ein anderes Tal Richtung Ra Stua hoch. Die ersten steilen Meter waren zum Glück asphaltiert, das „rollte“ sich halbwegs.

mtb-2

Nach der Hütte kam dann der Abzweig Richtung Fodara hoch: Eine alte Militärstraße, die sich in engen Serpentinen steil hochschlägt. Dazu viel grobes Gestein – in meinen Zustand nicht fahrbar. War schon ziemlich platt. Dann endlich irgendwann oben auf dem Plateau – herrliche Rundsicht, nur konnte ich es kaum genießen, immer breiter. Dann endlich Fodara erreicht, von da ab nur noch bergab. Nur wieder kaum fahrbar: Das Gegenstück zu vorhin, extrem steile Militärstraße, die sich an einem sicher nicht dafür gedachten Steilhang nach unten windet. Immer wieder anhalten, abschnittsweise gerollt, aber immer mit nur einem Fuß in der Pedale, um schnell absteigen zu können. Beim Bremsen rutschte man nur.
Also mehr oder weniger mit den Wanderern bergab, bis endlich Pederü erreicht war. Hier unten war es nur noch wärmer als oben. Ab jetzt aber nur noch 12km leicht abschüssige Asphaltstraße bis St. Vigil. Leicht mittreten war ok, über kleine Wellen ging aber gar nicht mehr – total leer …
So fertig war ich lange nicht mehr.
Aber traumhafte Gegenden gesehen.

Tag 4

hausherr

Gestern abend beim Grillabend im Hotelgarten wurde mit dem Hausherrn und einigen Gleichgesinnten eine gemeinsame Runde für heute besprochen. Roman Erlacher wollte uns auf seine „Geheimrunde“ führen, so wie sie auch in der „Tour“ beschrieben ist: Weniger als 80km, aber mehr als 2000Hm, kleine, versteckte Straßen, so gut wie keine Autos.
Mit insgesamt sieben Leuten ging es halb zehn los. Gleich am ersten Anstieg zum Furkelpass hoch stiegen zwei aus und kehrten um. Wir restlichen fünf fuhren dann immer gut gemeinsam den Rest: Nach Anstiegen und bei Abzweigen wurden gewartet, kurz geschwatzt, an kleinen Dorfbrunnen die Trinkflaschen wieder aufgefüllt und dann weiter.
Gegen Mittag schob es sich oben in den Bergen etwas zu und wir hörten es rumpeln, auf unserer Tour haben wir das Gewitter aber gut umfahren.
Als wir wieder im Hotel ankamen, schien die Sonne und wir konnten uns im Garten beim vom Hausherrn spendierten Bier anfangen zu erholen.

https://www.strava.com/activities/352673591

Tag 5

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Mit dem Fotographen, der auch hier gerade Kurzurlaub macht, beim Abendbrot gestern besprochen, heute gemeinsam auf’s Würzjoch zu fahren. „Nur“ hoch und wieder zurück. „Nur“ 25km …
Die ersten 5km rollt man eh bergab bis Zwischenwasser, dann leicht das Gadertal bis St. Martin hoch, von da ab wird’s steil. Mit die steilsten Passagen waren aber tatsächlich gleich im unteren Abschnitt, wenn sich die Straße erstmal aus dem unten recht engen Tal hochwinden muss. Wenn man da erstmal halbwegs raus geht es (auch das natürlich maßlos untertrieben …). Den größten Schreck bekamen wir aber, als wir uns schon auf halber Höhe bis zum Pass wähnten und es hinter einem Höhenzug erst noch mal wieder runter ging. Am Ende aber sehr glücklich oben angekommen, tolle Panoramen unterwegs und natürlich auch ganz oben auf dem Pass. Viele Fotos geschossen, halbwegs erholt und gemeinsam wieder runtergerollert. Den „Gegenanstieg“ von der Welle hochzu mussten wir auch noch nehmen, das lief bei mir aber erstaunlich gut. Gadertal bergab, und von Zwischenwasser nochmal fast volle Kanne bis St.Vigil hoch – super Tour, und um Eins wieder daheim.

https://www.strava.com/activities/352670964

Tapetenwechsel

So, hier mal ein bisschen auf- und ein ganz kleines bisschen auch umgeräumt. Mal sehen, ob da noch was geht mit dem Theme.

Barriere gegen Wissen

„Der perfekteste Barriere gegen das Lernen ist die, daß man etwas zu wissen glaubt.“ (Leto zu Duncan, in: Der Gottkaiser des Wüstenplaneten, S. 274)

It’s Kapitalismus, Baby …

Identitätsfragen waren mal wichtig und produktiv für eine Linke in der Sackgasse, heute verkleistern sie eher, als dass sie weiterhelfen. Bernd Stegemann hat stattdessen mal wieder die Klassenfrage gestellt, und wundert sich, dass das Bewusstsein dafür eher auf Seiten des Kapitals ist.

https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/wem-die-zwietracht-nuetzt

Wenn im aktuellen „shut down light“ nun immer mehr Wirtschaftszweige staatliche Unterstützung einfordern (von Airlines bis zu Techno-Klubs), kann man eigentlich nur sagen: „It’s Kapitalismus, Baby …“ Wem das zuviel an Freiheit ist, der ist dann sicher auch für umfassenden Investorenschutz in internationalen Handelsverträgen. War da eigentlich was?

Neptunation

„Neptunation“ – eine etwas gröbere Substantivierungsform im Sinne des eindeutigeren „Neptunisierung“ – hat Dietmar Dath zum Titel und Programm eines seiner jüngsten Science-Fiction-Romane gewählt. Das Spiel mit der möglichen Doppelbedeutung einer „Neptun-Nation“, frei und ungezwungen irgendwo da draußen, wurde sicher mit einkalkuliert.

Bereits bei den Liner Notes werden superlativierende Lorbeeren verteilt: „einzig relevanter deutscher SF-Autor“ usw.; nun ja, immerhin einer, der die richtigen Fragen stellt, sich nicht aufs Technische kapriziert, wie so viele, sondern gesellschaftliche Aspekte nicht nur andeutet, sondern sie in den Vordergrund seines Plots stellt (hierin gar weitergehend als die Legende Lem). Die Frage, was passiert mit den Menschen da draußen, ihren Vorerfahrungen und Verbindungen, die sie von der allzu gegenwärtigen Erde mitbringen? Jedenfalls gibt es in dem Roman keine „cleanen“ Charaktere und Systeme á la Enterprise. Die ganzen Verkomplizierungen aus den Fraktionenbildungen mit Referenzen an die höchst gegenwärtigen politischen Probleme auf der Erde würde als Komplexitätsraum für die Entwicklung des Roman völlig ausreichen, solchen technischen non-sense wie „die vom Licht Gelesenen“ sind überflüssig und passen nicht recht ins Bild.

Dass die sich nur sehr langsam enthüllende „Neptunisierung“ so ihre Tücken hat, wird nach ca. 2/3 des Buches der Protagonistin Heike Breuer in dem Mund gelegt: Es sei etwas, „was hier alle nur noch die Neptunenttäuschung nennen“. Und weiter: „Und im Alltag merkt man’s nicht, weil alles unterhalb der Bewusstseinsschwelle läuft, da sind sie dann ganz gewöhnliche Menschen, wo im Hintergrund halt gerechnet wird. Aber wenn die Allgemeingleichzeitigkeit an ist, so wie jetzt, weil es irgendeinen riesen Job gibt, […] na, haste ja gesehen: Dann geht im Oberstübchen das Ich-Licht aus.“

So einfach ist es also nicht, die letzte sozialistische Weltraummission ausfindig zu machen, in der Hoffnung, vielleicht irgendwo mehr Gutes zu finden, als auf der Erde, die man für solch ungeheures Wagnis irgendwie doch gern hinter sich lässt. Dath präsentiert eine nicht nur technisch, sondern auch psychisch „abgefahrene“ Variante einer am Ende keineswegs wünschenswerten Zukunft, nicht zuletzt, da die Kontrolle der alten Instanzen von der Erde allgegenwärtig ist. Nur ein absolut sinnloses und erstaunlich lebhaft geschildertes Gemetzel scheint ein Ausweg zu sein. Naturgesetze drehen dabei wild ihre Wirbel und werden von den Füßen auf den Kopf gestellt. Eine Beherrschung der neuen Prinzipien scheint zwar möglich, bleibt aber ein va-Banque-Spiel.

Nicht erleichtert wird das Lesen, dass der eigentliche Fortgang der Geschichte chronologisch rückblickend erfolgt und betont beiläufig erklärt wird. Erst gegen Ende erfährt man so, dass es nach der Mission der FRIES/FIRAT, die man mehr oder weniger begleitet, eine weitere (amerikanische) Mission Richtung Neptun gab, die vor der ersten da war („1/7 der Zeit“).

Am Ende entblättert sich die „Neptunation“ doch als oberstes Prinzip von allem, personen- und gesichtslos, als Prinzip, was alle Prinzipien vereint: Zeitreisen, evolutionäres Uplifting, Möglichkeitswelten, Diff, Sonnenmenschen etc. Auch wenn die dazu hinführende Erzählung insgesamt etwas wirr und für meinen Geschmack etwas arg längliche und überdetaillierte Kampfszenen beinhaltet, es bleibt ein positiver Grundgedanke: Die kompromisslose Suche nach Freiheit, nach Freiheit von den bekannten Zwängen der irdischen Prinzipien, die auf das Existieren von Nationen genauso aufbauen wie auf den bekannten Naturgesetzen: Der unverrückbare Glaube, dass es etwas gibt, was jenseits der Machtspielchen irdischer Politiker bzw. Militärstrategen liegt. Dieser eigentliche Grundgedanke geht im Wust aus ergänzenden Ideen, Theoremen, Verwicklungen oftmals unter. Und auch die finale Pointe ist zu oft bemüht, zu gewaltmäßig passend. Fazit: Da wäre mehr drin gewesen.

Dietmar Dath: Neptunation (Roman), 2019

Heym: Lassalle

Na klar, der Heym mal wieder … Seien es die Lenz-Papiere, die Tage im Juni oder die Crusaders: Mit „Lassalle“ hat er sich und der Geschichte der Deutschen Arbeiterbewegung gleichwohl ein Denkmal gesetzt – falls das im ersteren Falle notwendig gewesen wäre. Die Klaviatur von Verbindungen politischer, gesellschaftlicher und privater Stränge hat wohl keiner so beherrscht wie er.