Category Archives: Fundstücke des Alltags

Fundstücke des Alltags Kunst

Jam Session mit der Zukunft

„Viele Menschen wollen nicht wahrhaben, dass wir uns in einer Art Jam Session mit dem Universum befinden und daß die Erschaffung einer wirklich menschlichen Gesellschaft möglicherweise mehr eines künstlerischen Ansatzes bedarf als eines wissenschaftlichen.“

Frank Herbert (1920-1986), SF-Autor, u.a. „Dune“

Fundstücke des Alltags

Wing Commander

Retro ist ja auch schon bald nicht mehr in, aber trotzdem: Unter archive.org ist nicht nur ein guter Teil des alten Internet abgelegt, sondern es werden dort auch verschiedene Dokumentationsprojekte betrieben. Eines davon ist es, alte DOS-Games aufzubereiten und in der DOSBox im Browser lauffähig zu machen. Mittlerweile finden sich dort dutzende Titel von Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre. Unter anderen der all-time-Klassiker Wing Commander von 1990. Er verkaufte sich damals mehr als 250.000 mal und wahrscheinlich gab es mindestens die zehnfache Menge an Raubkopien.

Screenshot

Der Jump von „Tiger’s Claw“ geht direkt im Browser. Zu finden gibt es das hier:
https://archive.org/details/msdos_Wing_Commander_1990

Fundstücke des Alltags Letzte Bücher

Oblomow

Oblomow. Von einem gewissen Iwan Gontscharow. Kennt den eigentlich jemand weiter? So ohne Handy und Wikipedia? Aber Oblomow. Oder auch nicht? Nein, Oblomow ist bekannt, oder? Man muss nicht notwendig mit den Hauptlinien der anarchistischen Literatur Russland vertraut sein, um von Oblomow schon mal gelesen zu haben. Oder etwa doch? Nein, ich denke wahrscheinlich nicht. Schließlich finden sich auch so ausreichend Rezensionen zu dem Buch, wenn auch in Literaturlexika eher spärlich vertreten.

Und dennoch ist der Blick durch das Auge der Anarchisten um einiges spannender als die eher spröde Sicht des aufgeklärten, wissenden Bürgers, Oblomow als sprichwörtliche Entsprechung „für die Erstarrung und Passivität einer untergehenden Gesellschaft“ zu sehen. Aus heutiger Sicht bräuchte es den Roman zumindest darum nicht, das kann man auch kürzer und prägnanter schreiben als ausgewälzt auf fast 700 Seiten. Interessanterweise hatte der Autor dieser Sprichwörtlichkeit selbst schon ausreichend Vorschub geleistet: Die Bildung eines spezifischen Substantivs aus dem Namen des Haupthelden findet im Buch selbst schon statt: Oblomowerei. (Im Russischen spricht und liest sich das bestimmt schöner, обломовщина) Die Lebensart des Haupthelden als markante Stillinie zu zeichnen, die später sprichwörtlich werden kann, war also bereits unmittelbare Absicht des Autors. Es scheint auch gut möglich, dass er damit nur vorhandene Stereotype seiner Zeit wiedergegeben hat. Vielleicht gar der Name selbst keine literarische Erfindung? Jedenfalls ist es um eine Literaturkritik nicht gut bestellt, wenn man sich einfach in die mehr als hundert Jahre alte Erzählebene des Autors einschreibt und diese nur ein wenig mit einfach zu habender historischer Gewissheit anreichert.

Was macht den unser Oblomow nun? Nichts, so wird weithin kolportiert. Er wohnt am Rande einer russischen Großstadt, ist Besitzer eines entfernten Dorfes und damit Herr und Eigner der dortigen Bewohner. Er lebt von den Erträgen seines Besitzes, die allerdings von Jahr zu Jahr weniger werden. Der einst stete Geldfluss lässt nach, weil der eingesetzte Verwalter korrupt ist und der neue ein noch windigerer Geselle und Beutelschneider ist, so erfährt man im Buch. Oblomow selbst in unfähig, seinen Besitz ökonomisch zu führen. Der running gag des Buches besteht darin, dass er große Pläne für sein Dorf hat, es als idyllischen und doch erfolgreichen Ort zu gestalten, er es aber nicht schafft, diese Pläne auch nur auf Papier zu bringen.

Leider erfährt man nichts darüber, ob die Einwohner des Dorfes vielleicht ein paar neue Flausen der Zeit im Kopf haben und nach Möglichkeit eher das Weite suchen als weiter als quasi Leibeigene zu schuften. Gelegentlich wird das angedeutet, aber nicht weiter ausgeführt. Die Dorfbewohner bleiben namenlos. Oblomows Pläne, so sie angedeutet werden, beinhalten aber immer eine Komponente des Glücks für die Bewohner.

Und Oblomow sitzt zu Haus, mit einem alten Diener, der mehr noch als Oblomow etwas verkörpert, was bereits als aus der Zeit gefallen erscheint: Die Nase noch oben als Diener eines adligen Geschlechts (wobei: so genau erfährt man das nicht), selbst aber längst unfähig, auch nur grundlegende Dienstleistungen auszuführen. Oblomow sitzt dabei weniger, mehr liegt er, und döst in Tag- bzw. ganz echten Träumen dahin. Solange er immer mal wieder Bedienstete erwischt, die den Haushalt halbwegs führen, mag es angehen. Tendenziell verstaubt und ergraut das Ambiente seines Zimmers allerdings, welches er immer seltener verlässt und in dem er kleinere Aufzeichnungen (mehr kriegt er meist energetisch nicht hin) oder wichtige Rechnungen aufgrund zunehmender Unordnung kaum wiederfindet.

So wäre, tatsächlich ganz banal, der Untergang einer Klasse beschreibbar, die es nicht schafft, sich an die neuen Bedingungen anzupassen, da sie selbst nicht in der Lage ist, produktiv oder auch nur steuernd zu wirken. Verdeutlicht wird das immer wieder an dem Counterpart, Andrej Stolz, geschäftstüchtig, immer unterwegs, neue Verbindungen zu knüpfen und Unternehmungen anzuschieben. Beide kennen sich aus Kindheitstagen und sind freundschaftlich verbunden. Doch alle Mühen Stolzes, Oblomow aus seinem Phlegmatismus zu lösen, scheitern letztlich. Die neue bürgerliche Schicht scheint der Gewinner, auch wenn es Oblomow am Ende nach einigen Wirren doch noch zu gelingen scheint, sich aus seiner städtischen Matratzengruft zu lösen und auf das Land zu reisen. Zu holen gibt es dort für ihn aber nicht mehr viel.

Aber zurück zu den Anarchisten: Warum war ihnen das so wichtig, sich von dem Nichtstuer Oblomow abzugrenzen und ihn immer wieder als Negativbeispiel für den Ausstieg aus der Gesellschaft anzuführen, damit das ja niemand verwechselt? Diese Gefahr scheint aus heutiger Sicht völlig überwertet: Niemand käme heute auf die Idee, Oblomow, so wie er im Buch geschildert wird, auch nur in die Nähe dieser zu rücken. Die sehr, sehr zaghaften Gedanken einer Verbesserung des Lebens „seiner“ Bauern taugen da ganz sicher nicht dafür. Richtung freier Gemeinschaft hat die literarische Figur Oblomow ganz sicher nicht gedacht. Und selbst ein Individualanarchismus a la Stirner würde wohl eher bei Stolz zünden denn bei Oblomow. Vielleicht hat Gontscharow mit dieser Figur aber nur etwas aufgegriffen, was in Russland selbst längst sprichwörtlich war. Und vielleicht enthielt dieses ggf. virulente Bild einige Komponenten, die diese verbindenden bzw. vergleichenden Gedanken dann doch nicht so abwegig erscheinen lassen. Dann aber, dann hat Gontscharow diese erfolgreich in seinem Buch ausgemerzt.

Es gibt aber auch eine zweite Variante: Modern würde man von der aftermath des Buches sprechen. So erschien bereits im gleichen Jahr wie das Buch (1859) von Dobroljubow eine umfangreiche Abhandlung über die „Oblomowerei“, die das im Buch gezeichnete Bild historisch präzisierte und vielleicht auch um die eine oder andere Komponente aufludt. Hier mag dann eine Beschreibung erfolgt sein, die Abgrenzung erforderte. Warum es den Anarchisten aber wichtig war, zu betonen, dass die Oblomowerei ganz furchtbar sei und mit ihnen nichts zu tun habe, müsste dann Teil einer spezifischen Betrachtung der russischen Literatur- und Gesellschaftsgeschichte des 19. und beginnenden 20.Jahrhunderts sein. Oder anders: HistMat at its best.

Ach ja, schade, dass in der vorliegenden Ausgabe der Übersetzer nicht angegeben ist. Bei Werken aus dem Russischen bringt das teils erhebliche Unterschiede.

Fundstücke des Alltags Kunst

Hey Moments

Das gibt’s doch nicht. Da sitzt man friedlich beim Sonntagsfrühstück und dann wird nebenbei im Radio die eigene Musikgeschichte dekonstruiert. King Sun and D-Moet, Hey Love, ein melancholischer, netter Rap, den ich mal auf irgendeiner Sampler-Platte hatte, gebraucht gekauft auf einer Plattenbörse, abgegriffenes Cover, egal. Hab‘ ich immer wieder gehört, klangt nett und sympathisch, hoher Erkennungswert aufgrund einer simplen und einprägsamen Synthi-Line.
Und dann das: Das war ein waschechtes Cover! Als die Synthi-Line im Radio dachte ich schon, das kann doch nicht war sein, dass dieses Lied noch jemand kennt. Aber die namentlich nicht genannte Erkennungssoftware sagte mir: Art of Noise, Moments in Love. Na sowas aber auch. Ich muss aber zugeben: Das Original ist auch ganz ordentlich. Und Art of Noise natürlich auch…
Den Detailvergleich gibt es hier:
https://www.whosampled.com/sample/64952/King-Sun-D-Moet-Hey-Love-Art-of-Noise-Moments-in-Love/

Fundstücke des Alltags Kunst

Gegenseitigkeiten

„Das Denken ist beim Malen das Malen.“

Gerhard Richter, Maler

„Das Malen ist beim Denken das Denken.“

Zlavoj Žižek, Denker

Fundstücke des Alltags Letzte Bücher

Migration reloaded

„Ich verstehe mein eigenes Land nicht mehr. […] In den Geschichtsbüchern erzählen sie uns, dass sich die englische Rasse über die ganze verdammte Welt ausgebreitet hat: überall hingefahren und sich niedergelassen, und dass das zu den großartigen, fabelhaften englischen Taten gehört. Niemand hat uns eingeladen, und wir haben niemanden um Erlaubnis gebeten, nehme ich an. Doch wenn ein paar Hunderttausend kommen und sich unter unseren fünfzig Millionen niederlassen, dann können wir das einfach nicht ertragen.“

Absolute Beginners, Colin McInness, 1959

Fundstücke des Alltags

Brotcast

Na endlich, Tim Pritlove hat auf Chaos Radio Express endlich ein Podcast zum Thema „Brot“ gemacht. Hab‘ ich zwar noch nicht gehört, werde ich aber sicher noch machen 😉

https://cre.fm/cre213-brot

 

Fundstücke des Alltags Kunst

German Winter

Gestern zufällig den Track im Radio gehört, heute im Netz das Video gefunden, beides absolut umwerfend. Das Video hätte ich ganz genau so gemacht – perfekt! 😉 Also die Flasche Bier aus dem Beutel geholt und einfach bei der Fahrt aus dem Fenster geschaut.

Fundstücke des Alltags

nothing compares to music

Wer sich heute beschwert, dass aktuelle Popmusik überwiegend aus Aufgüssen von alten Songs lebt, hat das Prinzip von Pop noch nicht verinnerlicht. So wird auch meine eigene (Pop-)Jugend nach und nach dekonstruiert. Ein letzter großer Schlag gelang kürzlich einem Radionsender, der in einer Erinnerungssendung an den kürzlich verstorbenen Prince eher nebenbei erwähnte, dass der Song „Nothing compares to you“ natürlich vom ihm sei. WTF … ahoi, Sinead O’Conner, aber okay, Deine Interpretation ist echt ein Tacken intensiver … wer’s überprüfen will, im intertube kann man’s nachvollziehen.

Fundstücke des Alltags Ostdeutschland

Kleinbürger im Osten

Im Feuilleton der ZEIT vom 25.02.16 analysiert der Autor Adam Soboczynski die jüngsten fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Ostdeutschland, speziell in Sachsen. Er versucht sich dabei an einer speziellen ideologiegeschichtlichen Deutung. Die heutige Ausländerfeindlichkeit ist seiner Meinung nach eine letztlich nur leicht verzerrte Fortschreibung des antikommunistischen Widerstandsgeistes: Man muss sich nicht alles gefallen lassen, was „die da oben“ sagen, die Obrigkeiten tanzen einem nur so lange auf der Nase herum, „bis man sich wehrt“. Soboczynski zieht dabei eine historische Linie von der sozialistischen These der internationalen Solidarität zur heutigen Situation. Doch schon der Internationalismus hätte die Ostdeutschen nicht überzeugt, schreibt er. Man hörte es nur „von oben“, es spielte im eigenen kleinbürgerlichen Alltag einer weitgehend homogenen Gesellschaft keine praktische Rolle. Diese Erfahrung hätten die Ostdeutschen mit den Polen oder den Ungarn gemein – deshalb seien viele Sachsen auch heute noch den Polen, Tschechen und Ungarn näher als den Westdeutschen. Und weiter schreibt er:

„Im Osten war der Internationalismus eine Doktrin ohne Entsprechung in der Wirklichkeit. Die Fremdenfeinde meinen heute, er solle weiterhin eine realitätsferne Doktrin bleiben. Und zwar egal, welche Medienelite oder Politikerkaste ihn auch immer propagiert: Die lügen doch eh.“

Wie überraschend und kurzfristig einleuchtend das auch klingen mag – so richtig neu ist die These nicht. Mit leicht anderem Zungenschlag wurde bereits in den frühen 90er Jahren diskutiert, warum der Osten so anfällig für Fremdenfeindlichkeit und rechtes Gedankengut sei. Sie hätten die plurale Demokratie eben noch nicht richtig gelernt (meinten vor allem westdeutsche Politiker, die daraus gelegentlich auch einen persönlichen Auftrag ableiteten), sie hätten eben zu wenig Kontakt mit Nicht-Eingesessenen, meinten andere. Statt so ontisch daher zu kommen, stellt Soboczynski diese Thesen faktisch auf deren ideologische Füße: Es sind letztlich Ideen, die die Menschen antreiben – egal, in welchem Sinne. Eine der wichtigsten Ideen der Wendezeit, dass muss dann hier ergänzt werden, war das Versprechen eines besseren Lebens (mit möglichst nur geringfügig mehr Arbeitsanstrengung als im Osten üblich): Das kam trotz teils nicht unwesentlicher Anstrengung nicht an – und nun hat man Angst, dass es „noch schlechter“ wird: Die Kohlsche Utopieblase geplatzt – besser wird’s nun nicht mehr werden, denkt der Mitläufer. Treffend zum Ausdruck brachte dies offensichtlich unfreiwillig ein Freitaler Passant gegenüber einer Fernsehkamera: Er habe nun Angst, dass es nicht mehr so ist, wie man sich es zur Wende erhofft hat. Will heißen: Das Schlaraffenland kommt nun doch nicht, die Wahrscheinlichkeit dafür sinkt auch in der Zukunft. Kleinbürgerlichkeit ist dafür ein noch viel zu harmloser Ausdruck.

http://www.zeit.de/2016/10/osten-sozialismus-fluechtlinge-rechte-gewalt