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Ostdeutschland

Hufeisen im Hirn

Ach ja, die Geschichte der CDU im Osten. Von der Blockparteiensache mal abgesehen … Die anmaßende Selbstgerechtigkeit Anfang der 90er in Sachsen, wo man mehr oder weniger allein regieren konnte; die neuen Apparatestellen nach eigenem Gutdünken besetzen konnte; die Grundidee eines staatsfernen Rundfunks noch nicht so ganz begriffen hatte; ja, da war alles, was noch ein bisschen mehr Demokratie und/oder ein besseres Leben wollte, links und damit so gut wie rechts und daher durch die CDU nicht weiter zu beachten. Die Delegitimierungsalgorhytmen von politischem Engagement sind mir leider noch gut im Ohr.
Wenn es dazu mal eine vernünftige Forschungsarbeit gibt, bitte ich um Benachrichtigung.

Für’s erste der Artikel im Freitag zum Thema:
der Freitag – Hufeisen im Hirn (Ausgabe 45/2019)

Letzte Bücher Ostdeutschland

89/90 (Roman)

89/90, also. Einen Roman so – wortlos – zu nennen, ist eher ungewöhnlich. Man setzt auf den Inhalt der Zahlen, darauf, dass damit ausreichend Assoziationen geweckt werden. 89/90, oder auch: „die Wende“, der Begriff, dessen historische diskursive Setzung im Buch selbst auch beschrieben wird.

Ein Roman zur Wende also, ein „Wenderoman“? Komischerweise wurde so etwas in den frühen 90er Jahren dringlich gefordert. Eine literarische Auseinandersetzung mit den massiven gesellschaftlichen Veränderungen, mit den Herausforderungen, vor denen die Menschen stehen. Doch die damaligen literarischen Großgewichte „lieferten“ nicht. Und die neue Generation war noch nicht in Sicht – eine  Generation, die selbst mittendrin war, die jung war, die auch Illusionen darüber hatte, was das Ziel der „Wende“ sein wird.

Peter Richter war 1989 Jugendlicher in Dresden, und in dem Buch beschreibt er schlicht das, was er erlebt, gedacht und erlitten hat. Die darin genannten Orte sind alle real, die Personen nur mit den Anfangsbuchstaben genannt, was den Eindruck von Authentizität noch stärkt.

Das Ganze liest sich dann auch eher als Bericht, denn als ein Roman. Und es ist – nicht nur gefühlt – sehr nah dran, an dem, was in Dresden in dieser Zeit passiert ist. So nah, dass, wenn das Buch genau so bereits in den 90er erschienen wäre, alle nur abgewunken hätten: „Na klar war’s so, warum ein Buch darüber? Wissen wir doch alle …“ Die fehlende literarische Reflexion der Erlebnisse wäre sicher beklagt worden.

Nun, 30 Jahre später, sieht das alles anders aus: Die Literaturkritik stellt beeindruckt fest, nie „so viel über die Wirklichkeit“ in einem Roman gelernt zu haben. Und ja, auch mir ging es letztlich so: Endlich jemand, der die Wirren jener Zeit detailliert und sachlich darstellt, ohne zu übertreiben, der das damalige Lebensgefühl trifft: Das letzte Wehrlager, die Schuldiskos mit „The Cure“, nächtliche Treffen im Freibad, die hilflosen Lehrer, die erst mächtige, später wankende Stasi, die ersten Cafés  in der Neustadt, die Nazis in den Straßen der Stadt und: die naiven Hoffnungen auf eine tatsächlich befreite Gesellschaft, die sich schnell in politische und kulturelle Randnischen verdrängt fanden.

Im zeitlichen Kern der „Wende“ waren Risse entstanden, die nicht nur durch Stadtviertel gingen, sondern auch durch Schulklassen: Man war plötzlich alternativ oder Nazi, was anderes war kaum möglich. Das hatte etwas Ähnlichkeit mit der unsäglichen Pegida-Bewegung in der Stadt: Man war dagegen oder dafür, und die Differenzen gingen auch hier durch persönliche Kreise. Und deren Versammlungen können durchaus als späte Wiederholungen der damaligen Kohl-Jubel-Veranstaltungen betrachtet werden, die in dem Buch eindrücklich geschildert werden.

Lesenswert machen das Buch auch die vielen kleinen Beobachtungen des Alltags der Wende: Etwa das Enttäuschtsein über die westlichen Punkbands, die man bisher nur von (schlechter) Konserve kannte und deren magisches Rauschen fehlte oder das großbürgerliche Verhalten der alternativen Jugendlichen beim ersten Urlaub in Bulgarien mit Westgeld, wo man plötzlich der King war und demonstrativ Bild-Zeitung las. Soziologische Phänomene wie Rollenfindung und kommunikatives Probehandeln wurden nie so eindrücklich und vollkommen unprätentiös beschrieben.

Dresden war selten ein Hort des Fortschritts. Um so sympathischer erscheinen auch rückblickend jene, die den Mut hatten, anders zu sein. In dem Buch erscheint dieses als ganz normales Verhalten von Jugendlichen, denen die Frage nach dem anderen Geschlecht genauso wichtig war wie die Frage nach der politisch-kulturellen Einstellung. Danke, Peter, dass Du daran erinnert hast.

Ostdeutschland Was es wirklich gibt

Aktenschwund

Natürlich gehört es zum guten Ton, den (ost-)deutschen LKAs, den jeweiligen Abteilungen im BfV und am Ende auch der Polizei zu unterstellen, „auf dem rechten Auge“ blind zu sein. Anhaltspunkte dafür gab und gibt es genug, speziell in Sachsen. Seine vermeintlichen Krönungen erlebte diese Sicht u.a. mit dem NPD-Verbotsverfahren (angeblich zu viele V-Leute drin) oder mit den rassistischen Morden des „NSU“. Im Zuge des letzteren war auch immer wieder zu lesen, dass speziell das BfV zielgerichtet Akten geschreddert hat, z.T. im unmittelbaren Nachgang des Auffliegens der Bande. Für Verschwörungstheoretiker ist das natürlich ein herrlich, endlich wird klar, was man schon immer zu wissen glaubte, dass nämlich der ganze rechte Spuk am Ende staatsgesteuert ist.

Dem liegt aber oft eine völlig falsche Einschätzung zu Grunde, was denn ein „V-Mann“ sein. Unter diesem stellt man sich meist einen Mitarbeiter der Behörde vor, der sich verdeckt in Strukturen „eingearbeitet“ hat und der persönlich – selbstredend – auf der Seite des Staates steht. Genau das sind die „V-Männer“ in NPD, „NSU“ oder was auch immer i.d.R. gerade nicht. Es sind vielmehr echte überzeugte Nazis, die sich – aus welchen Gründen auch immer – einen anständiges Zubrot verdienen, in dem sie mit den Behörden ab und an mal reden.

Wenn nun, wie gerade wieder neulich zu lesen, zielgerichtet deren Akten geschreddert wurden, könnte man meinen, dass speziell das BfV hier seine Mitwisserschaft am „NSU“ vertuschen will. Dankenswerterweise hat dies Andreas Förster im Freitag Nr. 41 v. 13.10.16 sehr detailliert herausgearbeitet. Dabei zitiert er sehr ausführlich das Vernehmungsprotokoll eines Herrn Lingen, Ex-Referatsleiter des BfV. Dieser wurde 2014 vom BKA (!) vernommen und sagte u.a. aus: „Die Existenz von acht, neun oder zehn V-Leuten [in Thüringen] hätten zu der Frage geführt, aus welchem Grund die Verfassungsschutzbehörden über die terroristischen Aktivitäten der drei [NSU] eigentlich nicht informiert gewesen sei.“ Leider geht Förster im Folgenden überhaupt nicht darauf, was hier offenbar das Problem ist: Nicht, dass es in der thüringischen rechtsradikale Szene, aus der auch der NSU hervorgegangen ist, zahlreiche Informanten gab, nicht, dass die Akten geschreddert wurden, sondern die Erfolglosigkeit des Agierens des BfV: Man hatte zahlreiche V-Leute, wusste aber schlicht nicht Bescheid. Besser kann man ein Versagen nicht deutlich machen.

Mopped Ostdeutschland

Auf Landstraßen unterwegs

Eine erste etwas längere Tour ergab sich Anfang September. Ich wollte nach Erfurt, einen Tag hin, den nächsten wieder zurück. Mit dem Garmin Edge vom Fahrrad eine Landstraßenroute geplant und letztlich mehr oder weniger so abgefahren. 5 Stunden, statt 2,5h mit dem Auto auf der Autobahn, dafür eben gereist, statt gerast: Muldestausee, Bitterfeld, Halle-Neustadt, Nebra usw. – Ostdeutschland 27 Jahre nach der Wende. Soll noch einer meckern von wegen blühender Landschaften und so … Dank des Fahrradroutings von Garmin waren auch ein, zwei nette Schotterpassagen dabei …imag0098

Ostdeutschland

Der Ungeist von Potsdam

Ach ja, die Garnisonkirche mal wieder. Nicht die in Dresden, die durchaus ansprechend in der Flucht der Alaunstraße in der Äußeren Neustadt zu sehen ist, sondern die Potsdamer. Und die macht deutlich mehr Ärger, obwohl es sie gar nicht gibt. Von der naiven Unhistorik, einfach alte Gebäude möglichst orignalgetreu wieder aufzubauen, will ich heute gar nicht sprechen. Wobei das darin verborgene Sehnsuchtsdenken sicher auch irgendwie zur Rettung des Abendlandes beitragen soll. Und das hat in Potsdam ausnahmsweise nichts mit den ach so wenigen besorgten Spaziergängern zu tun: Die Idee des Wiederaufbaus kam nicht aus Potsdam, sondern aus einem stramm militaristischen Umfeld der alten Bundesrepublik (vgl. Artikel taz v. 13.10.12), welches organisatorische Traditionen bis hin zur Waffen-SS vorweisen kann.

Das denen an der Wiedererrichtung der Kirche gelegen haben könnte, ist in aller Deutlichkeit kürzlich in der ZEIT zu lesen gewesen. Der „Geist von Potsdam“, der in dieser Kirche wehte, war, so heißt es in dem Artikel, „Treue bis in den Tod, bedinungsloser Gehorsam, Kampf bis zum letzten Blutstropfen“. Das war, so ist sich der Autor nach vielerlei Archivstudien sicher, auch kein Unfall, keine Ausnahme, dass es eben auch mal Hitler da war, vielmehr hatte die Ausrichtung System. Sie entwickelte sich nach 1918, so schreibt der Autor, gar zu einer „Trutzburg […] der Nationalisten, Antidemokraten und Antisemiten aller Coleur“. Und er belegt dies mit zahlreichen Beispielen aus dem Alltag der Kirche bis 1945.

Während Deutschland sich recht mühsam zur Demokratie entwickelt hat, deren spezielle Entwicklungsgeschichte sowieso unterbelichtet ist, soll im 21.Jahrhundert ein Monument der militaristischen Antidemokraten wieder aufgebaut werden? Das kann – trotz aller Umdeutungsbemühungen der Befürworter – kein gutes Zeichen sein.

 

Matthias Grünzig: Der Ungeist von Potsdam. Die Garnisonkirche war einst ein Wahrzeichen der preußischen Residenzstadt. Nun wird, nach jahrelangem Streit, über ihren Wiederaufbau entschieden. Zeit, die finstere Geschichte des Gebäudes offenzulegen, in: DIE ZEIT No. 15 v. 31.03.2015, S. 15 (leider aktuell nicht auf ZEIT ONLINE verfügbar; Nachtrag am 17.04.16: Jetzt ist der Artikel online: hier)

 

sowie auch:
Erenz, Benedikt: Keine Ahnung, nie gehört. Warum nur wollen so viele Deutsche nichts von ihrer Geschichte wissen? Mutmaßungen zum 18.März, in: DIE ZEIT Nr. 13 v. 17.03.2016, S. 21

 

Fundstücke des Alltags Ostdeutschland

Kleinbürger im Osten

Im Feuilleton der ZEIT vom 25.02.16 analysiert der Autor Adam Soboczynski die jüngsten fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Ostdeutschland, speziell in Sachsen. Er versucht sich dabei an einer speziellen ideologiegeschichtlichen Deutung. Die heutige Ausländerfeindlichkeit ist seiner Meinung nach eine letztlich nur leicht verzerrte Fortschreibung des antikommunistischen Widerstandsgeistes: Man muss sich nicht alles gefallen lassen, was „die da oben“ sagen, die Obrigkeiten tanzen einem nur so lange auf der Nase herum, „bis man sich wehrt“. Soboczynski zieht dabei eine historische Linie von der sozialistischen These der internationalen Solidarität zur heutigen Situation. Doch schon der Internationalismus hätte die Ostdeutschen nicht überzeugt, schreibt er. Man hörte es nur „von oben“, es spielte im eigenen kleinbürgerlichen Alltag einer weitgehend homogenen Gesellschaft keine praktische Rolle. Diese Erfahrung hätten die Ostdeutschen mit den Polen oder den Ungarn gemein – deshalb seien viele Sachsen auch heute noch den Polen, Tschechen und Ungarn näher als den Westdeutschen. Und weiter schreibt er:

„Im Osten war der Internationalismus eine Doktrin ohne Entsprechung in der Wirklichkeit. Die Fremdenfeinde meinen heute, er solle weiterhin eine realitätsferne Doktrin bleiben. Und zwar egal, welche Medienelite oder Politikerkaste ihn auch immer propagiert: Die lügen doch eh.“

Wie überraschend und kurzfristig einleuchtend das auch klingen mag – so richtig neu ist die These nicht. Mit leicht anderem Zungenschlag wurde bereits in den frühen 90er Jahren diskutiert, warum der Osten so anfällig für Fremdenfeindlichkeit und rechtes Gedankengut sei. Sie hätten die plurale Demokratie eben noch nicht richtig gelernt (meinten vor allem westdeutsche Politiker, die daraus gelegentlich auch einen persönlichen Auftrag ableiteten), sie hätten eben zu wenig Kontakt mit Nicht-Eingesessenen, meinten andere. Statt so ontisch daher zu kommen, stellt Soboczynski diese Thesen faktisch auf deren ideologische Füße: Es sind letztlich Ideen, die die Menschen antreiben – egal, in welchem Sinne. Eine der wichtigsten Ideen der Wendezeit, dass muss dann hier ergänzt werden, war das Versprechen eines besseren Lebens (mit möglichst nur geringfügig mehr Arbeitsanstrengung als im Osten üblich): Das kam trotz teils nicht unwesentlicher Anstrengung nicht an – und nun hat man Angst, dass es „noch schlechter“ wird: Die Kohlsche Utopieblase geplatzt – besser wird’s nun nicht mehr werden, denkt der Mitläufer. Treffend zum Ausdruck brachte dies offensichtlich unfreiwillig ein Freitaler Passant gegenüber einer Fernsehkamera: Er habe nun Angst, dass es nicht mehr so ist, wie man sich es zur Wende erhofft hat. Will heißen: Das Schlaraffenland kommt nun doch nicht, die Wahrscheinlichkeit dafür sinkt auch in der Zukunft. Kleinbürgerlichkeit ist dafür ein noch viel zu harmloser Ausdruck.

http://www.zeit.de/2016/10/osten-sozialismus-fluechtlinge-rechte-gewalt

 

Fundstücke des Alltags Ostdeutschland Was es wirklich gibt

Brandenburger Tropen

Wenn ich etwas über das Naherholungsziel „Tropical Island“ lese, stammt dies meist aus der regionale Presse und geriert sich mindestens wohlwollend. Das ist auch kein Wunder, schließlich sind es ja die Steuermillionen aller Brandenburger, die beim Bau der Halle einem findigen Investor hinterhergeworfen wurden. Aus den hochfliegenden Cargolifterplänen wurde bekanntlich nichts, dafür gibt es in der Halle seit einigen Jahren die Simulation einer Tropenlandschaft. Oder besser: Ein wildes Arrangement dessen, was der durchschnittliche Brandenburger für die Tropen halten könnte.

Sehr entspannt liest sich das in einem Artikel im Reiseteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 09.07.15: Ganz ohne lokalkoloriertes Wohlwollen, dafür mit einem genauen, unaufgeregten, wenngleich sicher nicht unvoreingenommenen Blick. Warum die Autorin ihren Besuch vor Ort als Experiment in Deprivation verstand und sich nach echtem Erleben sehnte, findet sich hier:

http://www.faz.net/aktuell/reise/tropical-islands-wenn-die-tropen-trauer-tragen-13692496.html

traurige-tropen