Vor ca. einem halben Jahr fragte mich ein guter Freund, ob wir im Winter nicht mal ein schönes Radabenteuer machen wollen. Nach einigen Überlegungen kamen wir schnell auf die Kanarischen Inseln: Stabil hinreichend fahrbares Wetter und noch abenteuerlich genug für uns zwei alte Säcke.
Eine erste schnelle Suche brachte mich gleich zu „Gran Guanche“: Ein Ultracycling-Event letztlich genau in dem Modus, wie wir das machen wollten: Die Inseln, die alle mit Fähren verbunden sind, möglichst so verbinden, um die schönsten Ecken einzusammeln. Das Event gibt es als Road, Gravel und Trail-Variante. Die auf der Webseite frei verfügbaren Routen der Gravel-Edition waren die Planungsgrundlage für unsere Freestyle-Tour. Wir wollten letztlich fahren: Lanzarote, Fuerteventura, Gran Canaria, Teneriffa und La Gomera. Das heißt von Nord nach Süd, weil der Wind meist von N-NW kommt.
Also dann: Flüge gebucht, die alten 26er MTBs, mit denen man einfach alles fahren kann, fit gemacht, und dann ging es Mitte Januar 2026 los …
Tag 0: Gran Canaria (42 km, 520 Hm)
Nur eine kleine Überführung vom Flughafen zur Hafenstadt, wo die Nachtfähre nach Lanzarote auf uns wartete. Nicht die Hauptstraße entlang, ein wenig durch die Suburbs gecruist, interessant, kann man aber auch weglassen.
Tag 1: Lanzarote (98 km, 1350 Hm)
Rückblickend wohl der schönste, weil intensivste und längste Tag auf dem Rad: Die Fähre kam schon früh gegen 5 Uhr in Arrecife an, es wurde aber erst gegen 8 Uhr hell. Also bis gegen halb 7 gewartet, und dann noch mit Licht los: Nach ca. 2 Stunden und einer Kaffee-Pause waren wir da, wo wir für die ganze Tour eigentlich sein wollten: Endlose Sand- und Schotterpisten an der Küste, und das Gefühl von ewiger Weite. Es folgten ein paar Abschnitte über Lavagesteinsfelder im Inneren der Insel, bis es am Ende wieder lange Offroad an der Küste entlang ging.
Tag 2: Fuerteventura Teil 1 (89 km, 1180 Hm)
Für mich waren alle Inseln Neuland. Von vielen hat man aber ein irgendwie geprägtes Bild. Fuerteventura war für mich vorher die größte Unbekannte, und am Ende wahrscheinlich auch deshalb die Schönste. Nirgendwo anders fühlten sich die langen Schotterpistenfahrten an der Küste entlang so majestätisch an. Und auch das Zelten in der Pampa. Und ja, der Sternenhimmel ist einfach fantastisch!
Tag 3: Fuerteventura Teil 2 (67 km, 1200 Hm)
Und als ob das nicht schon genug war: Nachdem wir einen Gebirgszug passiert hatten, führte uns die Route durch ein wüstenähnliches Gebiet. Habe ich vorher mit dem Rad noch nie erlebt und werde ich wahrscheinlich auch nicht mehr. Und ja, weitestgehend konnte man da fahren, sogar querfeldein: Zahllose kleine Muschelfragmente sorgten dafür, dass die obere Sandschicht sehr stabil war.
Im Süden der Insel gibt es einen zum Glück recht kleinen Abschnitt mit Betonburgen. Da mussten wir nur kurz durch, um zur Fähre zu kommen.
Tag 4: Gran Canaria Teil 1 (56 km, 1620 Hm)
Aus der Hauptstadt der Inseln fuhren wir zunächst durch einen abenteuerlichen urbanen Canyon, eine Mischung aus Plantagen und Müllkippen von den Hochhäusern links und rechts oben. Der Rest war dann Asphalt, aber auch interessant: Im Barranco de Guayadeque fanden sich links und rechts der Straße historische Höhlenwohnungen im Fels. Teils heute touristisch erschlossen und teils auch noch „normal“ bewohnt. Kurz vor dem Ende der Straße im Tal fanden wir einen Picknickplatz, der perfekt zum Zelten war.
Tag 5: Gran Canaria Teil 2 (75 km, 1760 Hm)
Der restliche Anstieg aus dem Barranco heraus war dann offroad mit Schiebepassagen: Dafür zogen die Wolken endlich ab und die wärmende Sonne kam heraus! Wir waren im Inneren, das heißt oben auf der Insel angekommen. Wir fuhren ein paar wunderschöne Panoramastraßen entlang, bis uns eine laaaange und sehr gut rollende Gravelabfahrt wieder runter zur Küste brachte. Von Agaete aus nahmen wir die vorletzte Fähre nach Teneriffa.
Dort abends gegen 8 angekommen, mussten wir noch unsere reservierte Unterkunft suchen. Die 300 Hm vom Hafen aus ok, aber die Bude war auf der Buchungsplattform mit einer falschen Adresse eingetragen. Alles etwas seltsam, auch das ganze Ambiente. Steuern hat da sicher keiner gezahlt, aber das ist ein anderes Thema …
Tag 6: Teneriffa Teil 1 (59 km, 1530 Hm)
Der erste Tag auf dieser Insel führte uns in den Norden ins Anaga-Gebirge. Es war Sonntag, und auf den Straßen in die Berge fanden sich neben trainierenden Pro-Teams auch einige motorisierte Ausflügler. War aber noch ok, immerhin fanden wir ein hübsches Ausflugslokal mit Talblick, wo wir zur Abwechslung mal richtig zu Mittag aßen. Bis auf eine kurze Gravelsektion war im dem Gebiet aber nur auf Straßen durchzukommen. Rückblickend hätte man bei Bedarf diesen Teil der Strecke auch weglassen können. Denn schließlich kamen wir nur wenig oberhalb des Ausgangspunktes an, schließlich sollte es die nächsten Tage Richtung Teide Nationalpark gehen.
Am frühen Abend suchten wir wieder eine Möglichkeit zum Campen. Auf einem verlassenen Gartengrundstück fanden wir dann was halbwegs Akzeptables. Die kurze Dämmerungszeit machte dann gleich klar, was uns erwartete: Eine kühle und feuchte Nacht. Nein, kein Regen, aber auf einer Höhe von ca. 800 m doch sehr frisch und morgens das Zelt durch und durch nass.
Da es am nächsten Tag aber gleich mit Höhenmetern weiter ging, wurde zumindest uns selbst schnell warm und trocken …
Tag 7: Teneriffa Teil 2 (59 km, 1700 Hm)
Der Tag mit den meisten Höhenmetern pro Kilometer im Durchschnitt – kein Wunder, es ging hoch Richtung Teide. Immerhin konnten wir recht schnell die stark befahrene Straße verlassen und uns schön durch den Wald nach oben schrauben. Bei Las Lagunetas, eine Art Farm mit Ausflugslokal auf ca. 1400 m, trafen wir wieder auf die Straße, querten diese und fuhren dann viele Kilometer wunderschön eine Waldpiste wahrscheinlich die historische Wegverbindung ganz langsam immer weiter nach oben. Immer noch mitten im dichten Wald, erreichten wir mit 1700 m unseren höchsten Punkt für heute (und wahrscheinlich fast der ganzen Tour). Wir waren uns einig, dass wir auf der Höhe nicht zelten wollen. Es war zwar tags schön warm und sonnig, aber nachts würde es sicher auf der Höhe gegen Null gehen, dafür waren nicht wirklich ausgerüstet. Also am frühen Nachmittag eine Unterkunft gesucht und durch den Wald am Hang entlang bergab Richtung SW nach Icod el Alto. Ein hübsches kleines Finca-Hotel mit sehr netter Bewirtung erwartete uns, genau das richtige nach den vielen Höhenmetern.
Tag 8: Teneriffa Teil 3 (68 km, 1480 Hm)
Eine gute Anzahl an Höhenmetern, die gestern wegen der Unterkunft verloren gingen, mussten erst einmal wieder zurückerobert werden. Die steilsten Passagen waren dabei gar nicht offroad, sondern Straßen in kleinen Orten. Teilweise haben wir die Straße bergauf geschoben … Endlich wieder im Wald angekommen, erwartete uns ein fantastische Piste, die uns zahllose Kilometer und ganz langsam aber stetig aufsteigend Richtung Lavafelder südlich des Teide führte. Dort war es dann so warm wie zu keinem anderen Zeitpunkt auf der Route: Sicher nicht nur wegen der Sonne, sondern auch, weil das dunkle Gestein ordentlich zurückstrahlte. Nach ein paar Fotoshootings mit dem Teide im Hintergrund rollten wir dann die Straße hinab bis nach Callao Salvaje. Hier machte zufällig gerade ein Freund ein paar Tage Urlaub und wir konnten mit in seiner Ferienwohnung übernachten.
Tag 9: Teneriffa Round Trip (37 km, 1620 Hm)
Nur ein kleine Rundtour von der Küste hoch in die Berge. Leider in einer Sackgasse gelandet, war aber trotzdem hübsch: Hier kam ein Wasserstollen aus den Bergen, der über teils historische Anlagen das Wasser Richtung Küstenorte verteilte. Da heute mal ohne Gepäck, waren die Höhenmeter etwas erträglicher, aber trotzdem ordentlich.
Tag 10: La Gomera Tag 1 (34 km, 1040 Hm)
Wir hatten es tatsächlich geschafft: Die fünfte Insel am Ende war so etwas wie die Sollbruchstelle. Wenn bis hierhin unterwegs etwas schief gegangen wäre, hätten wir die Insel einfach streichen können, da der Rückflug eh von Teneriffa ging. Es ging aber alles Wichtige glatt und so konnten wir auch diese Insel in Angriff nehmen. Fünf klingt auch besser als vier, meinte mein Begleiter … Wie es der Zufall will, betrieb ein Bekannter eine Herberge in Hermigua, einem etwas abgelegenen Tal im Norden der Insel. So war auch diese Unterkunft schon abgemacht. Bis dahin führte es vom Hafen erst ein paar Kilometer die Straße hinauf, bis über einen kleinen Sattel eine Schotterpiste abzweigte, die uns wunderschön langsam abfallend Richtung Hermigua brachte.
In der Herberge und der angeschlossenen Bar traf sich das alternative Volk des Tales, meist aus D-Land. So gab es noch etwas Live-Musik mit einem langhaarigem Alt-Hippie und das eine oder andere Bier.
Tag 11: La Gomera Tag 2 (56 km, 1690 Hm)
Frühstück wäre erst ab 9 Uhr gewesen, das war uns etwas zu spät. Daher hatten wir uns schon am Vortag im Supermarkt gegenüber versorgt und sind halbwegs zeitig los. Uns standen erst einmal direkte ca. 1000 Hm Straße Richtung Mitte der Insel bevor. Auf La Gomera gibt es sehr wenige offroad-Querverbindungen, da die Insel fast überall sehr steil ist. Während die Hänge Richtung Küste oftmals kahl sind, findet sich oben in der Mitte eine Landschaft, die wie teils wie ein Regenwald anmutet. Lange Moosfäden hängen von den Bäumen und sorgen dafür, dass die Wolken kondensieren und es dauerhaft feucht ist. Parallel zu der oben verlaufenden Bergstraße hatten die Karte bei der Planung doch noch ein, zwei offroad-Abschnitte versprochen. Die waren auch wunderschön, nur eben auch steil, quasi mit Schiebegarantie. Zum Schluss eine lange Abfahrt die Straße hinunter zum Hafen zurück: Dort in einem Café war gerade der Zielpunkt von Gran Guanche Road aufgebaut. Daher also die vereinzelten Rennradfahrer mit Minimalistengepäck 🙂
Dann mit der Fähre wieder zurück nach Teneriffa, noch eine Übernachtung zwischen Fähre und Flughafen, um nächsten Tag dann leider wieder heim zu fliegen. Dort war der Frost noch nicht vorüber …