Meister Eckhart

Gerhard Wehr: Meister Eckhart
rowohlts bild monographien

Die Reihe der Bild-Monographien im Rowohlt-Verlag liebe ich ja. Kleine, handliche Bücher, in denen ein in aller Regel ausgesprochen gut informierter Autor eine Einführung in eine historische Person gibt. Das Ganze garniert mit historisch passenden Fotos, Grafiken oder Ähnlichem. Und es ist auch der Schreibstil, der stets überzeugt: Kein Wissenschaftsduktus mit epischen Einführungen ins Thema, sondern locker und direkt aufbereitete Fakten und Aspekte.

Das Vorgenannte gilt im vollen Umfang auch für das bereits 1989 erstmalig erschienene Bändchen über Meister Eckhart. Geschrieben wurde es von Günter Wehr, der sich (selbst zunächst eine Kirchenkarriere antretend, die aber später für ausschließliche Schriftstellerei aufgab) bestens in dem Kontext der etwas abseitigeren Figuren und Gedanken der christlichen Glaubensgeschichte bis hin zu Esoterik und Anthroposophie auskennt. Seine persönlichen Vorlieben scheinen durchaus durch den Text hindurch, wenn er etwas relativ umfassend die Gemeinsamkeiten von Eckharts „deutscher Mystik“ und dem ostasiatischen Zen-Buddhismus herausstellt, Erich Fromms Bezug auf Eckhart in seinem Werk „Haben oder Sein“ zwar auch mit erwähnt, aber innerlich wohl doch eher belächelt.

Was ist nun aber eigentlich dran an der Mystik, an den Glaubensgrundsätzen, am Bild Eckharts vom Menschen und seiner Stellung in der Welt? Seine Predigen und Traktate lesen sich ja oft erstaunlich „vernünftig“, wenn man das so völlig unchristlich sagen kann. Um mir ein vollständigeres Bild davon zu machen, griff ich eben zu diesem Bändchen, um Eckhart zu verstehen und einordnen zu können.

Und was Wehr darin präsentiert, ist letztlich doch sehr ergreifend: Wie nämlich ein kirchlicher Prediger des Dominikanerordens, der Eckhart war, in seinen Gedanken offenbar so humanistisch gesinnt war, dass er unglaubliche Anstrengungen unternehmen musste und das auch tat, um diese innerhalb der gültigen Weltbilder des System Kirche verorten zu können. Ob es gegen Ende des 13. Jahrhunderts in Europa überhaupt die Möglichkeit gab, außerhalb dieses Systems zu denken, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich kann nur vermuten, dass dies nicht der Fall war. Wenn das so war, kann einem Meister Eckhart schon fast ein wenig Leid tun. Es ist auch Wehrs (wahrscheinlich eher unfreiwilliger) Verdienst verstehbar zu machen, wie mühsam es für Meister Eckhart gewesen sein muss, seine Botschaften an die Zuhörerinnen und Zuhörer im Kontext des Glaubenssystems der christlichen Kirche zu formulieren. Welch’ teils abenteuerlichen (im positiven Sinn!) Gedankengänge er formuliert hat, um seinen Zuhörern zu vermitteln, dass es wesentlich an ihnen liegt, ihr oft beschwerliches Leben mit Sinn zu füllen. Das eigene Tun, Gott, Gerechtigkeit und gegenseitiger Halt bestimmen einen Seinszustand, der dann im Sinne Eckharts ist, wenn im Tun *und* Sein selbst die Gotteserfahrung (unio mystica) vollzogen wird.

Das führt nach heutigem philosophischen Maßstäben zu einer ganzen Reihe von logischen Problemen, die in Eckharts Zeit eben nur durch kompliziert erklärbare und sich scheinbar widersprechenden Gedankengängen ausgedrückt werden konnten. Wehr müht sich, das alles zu ordnen und erklärbar zu machen, aber selbst ihm gelingt das an den entscheidenden Stellen kaum.

Ein aus sozialwissenschaftlicher Sicht stabiles Theoriegebäude will daraus nicht so recht entstehen. Das zu fordern, ist sicher auch gegenüber Meister Eckhart als auch Wehr ungerecht. So bleiben einzelne Setzungen und Thesen, über die sich auch heute noch trefflich philosophieren und streiten lässt. Und vielleicht auch zentrale Menschheitsfragen mit neuen, alten Impulsen diskutiert werden können.

This article was written by st

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