Wenn man den Urlaub mit der Liebsten frei planen kann, ist das auch mal was Schönes. Ok, die beiden Wuffis müssen mit bedacht werden, aber mit unserem schönen alten Multivan kein Problem.
Fast zwei Wochen hatten wir Zeit, nach Frankreich wollten wir sowieso schon seit längerem und die französischen Alpen waren bisher komplett unbekanntes Gebiet. Also alles ins Auto gepackt, was man für Campingurlaub mit Radfahren braucht, und los ging’s.
Auf dem Hinweg machten wir einen Übernachtungsstopp in Tübingen. Mehr als ein Vierteljahrhundert ist es her, dass ich da studiert habe, meine Güte. Die schönen Sichtachsen von Schlossberg waren fast alle zugewachsen, aber meine studentische Stammkneipe gab es noch, prima! Am nächsten Tag dann also Frankreich. Es ist so frustrierend zu sehen, wie schnell man da ist, wenn man in Süddeutschland wohnt … Aber egal: Unser erster Zeltplatz hieß „Le Petit Nice“ und war wirklich wunderbar: Von hier aus waren fünf Pässe gut zu erreichen, der unmittelbar daneben gelegene Bach freute die Hunde zur Abkühlung und die Chèvre-Miel-Pizza war wirklich grandios.
Unser allgemeiner Plan war folgender: Wir fahren abwechselnd Rad, jeder macht eine Halbtagestour, während der andere was mit den Hunden unternimmt, einkaufen geht oder einfach ein Buch liest. Und das war rückblickend wunderbar so: Aufgrund der Hitze und den durchaus herausfordernden Touren reicht täglich ein halber Tag zum Radfahren völlig aus, jeder kann sein Tempo fahren und der andere chillt und freut sich über den Urlaub.
Am ersten Tag ging es in diesem Modus zum Col du Glandon sowie zum unmittelbar damit verbundenen Col de la Croix de Fer. Was für eine atemberaubende Landschaft! So weit, so offen, so wirklich verhältnismäßig wenig los – einfach zu Losheulen.
Ich bin dann die Abfahrt hinter dem Col de la Croix de Fer runter, meine Frau ist von oben direkt wieder zurückgefahren, kann man auch machen und war etwas kürzer. Egal, schon mal ein erster sehr schöner Ausflug.
Am nächsten Tag stand der Col de Madeleine auf der Agenda. Unser Zeltplatz lag bereits im Tal der Anfahrt von Süden zum Pass, also sehr naheliegend. In diesem Tal gab es mit einer kleinen Nebenstraße sogar eine Alternative zur relativ stark befahrenen Hauptstraße nach oben. Hat man auch nicht oft. Die Nebenstraße stieg gleich hinter dem Zeltplatz hoch in den Wald, gegenüber der Haupttrasse. Erst im Wintersportort Longchamp kurz unterhalb des Passes trafen diese aufeinander. Also hochzu schön abgelegen und ruhig mit eigentlich gar keinem Auto nach oben, runter dann die schnellere, da breitere Hauptstraße. Nicht ganz so schön wie am Glandon, trotzdem durch zahlreiche Tour-Passagen mehr als bekannt, muss man mal gemacht haben.
Nach zwei Tagen also schon drei Pässe, das ließ sich ja ganz gut an 😉 Der folgende Tag bot auch ein ansprechendes Menü: Col du Galibier! Der ohne den Telegraph nicht zu haben ist. Also wieder zwei an einem Tag. Die Anfahrt war auch von unserem Zeltplatz möglich, aber schon etwas länger, da man erst ca. 20 km durch das nicht so schöne Haupttal bis Saint-Michel-de-Maurienne musste – und am Ende auch wieder zurück. So kamen hin und zurück 120 km zustande, die halbtags wegen den unglaublichen Höhenmetern nicht zu machen waren. Also fuhr ich das an einem ganzen Tag, und am nächsten Tag fuhr meine Frau die gleiche Tour bis hoch zum Galibier, dann allerdings nicht direkt zurück sondern südlich runter, wo ich sie mit dem Auto auf dem Weg zum nächsten Zeltplatz einsammelte. Ein guter Plan! Also los Richtung Galibier. Was soll ich sagen, ich bin zu spät los (so gegen halb neun), daher war es schon nach kurzer Zeit sehr warm, am Ende sehr, sehr warm. Wenn du selbst auf 1700 m Höhe denkst, wo es üblicherweise schon nicht mehr so warm ist, ach, eigentlich jetzt mal den Kopf in einen kühlen Bach stecken, das wäre nice … Aber es kamen noch fast 1000 Hm bis zum Pass. Trotzdem nicht überpacen, schließlich will ich ja die Landschaft genießen. Die wirklich Wahnsinn ist. In dem Moment, wo Du aufwärts das erste Mal die Passhöhe vom Galibier siehst, denkst Du nur, wie bekloppt muss man sein, dort oben einen Übergang zu bauen. Und auf dem sehr kleinen Plateau haben sie mal eine Zielankunft der Tour gemacht, aber lang ist’s her.
Bevor die Straße in den finalen Anstieg geht, ist ein größerer Wanderparkplatz. Ok, es war auch der 14.07., also Nationalfeiertag, also viele Leute in den Bergen. Von diesem Parkplatz ging ein Wanderweg (breite Gravelpiste) auf einen Bergrücken gegenüber vom Galibier. Dahinter liegen laut Karte zwei Bergseen, die unglaublich schön sein sollen. Das nächste Mal also mit MTB oder Gravel 😉
Also amtlich: Am französischen Nationalfeiertag mit dem Rennrad auf den Galibier gefahren, mehr geht eigentlich nicht. Und hinterher auch wieder runter: So langsam kam der Spaß auch bergab, am dritten Tag ist man da schon sehr gut im Flow.
Das letzte Stück Rückweg durch das Haupttal war dann sehr herausfordernd: An die 40 Grad warm, so dass es sich anfühlte, als ob mein eben gekaufter Saft in den Trinkflaschen schon sofort anfängt, sich biologisch weiter zu entwickeln. Was im Kopf bei der Hitze eben so alles abgeht. Am Ende fast sieben Stunden unterwegs, hat dann auch gereicht.
Unser erster Umsetztag: Ich fahre das Auto zum nächsten Zeltplatz, während meine Frau die Überführungsetappe mit dem Rad fährt. Die ging natürlich auch über den Galibier, für uns beide. Während ich mit dem Auto den einspurigen, knapp unterhalb des Passes gelegenen Tunnel nahm, fuhr sie natürlich oben drüber. Am Col du Lautaret habe ich sie dann eingesammelt. Ein Pass im Ost-West-Tal südlich des Galibier, vom Galibier fährt man ca. 600 Hm bergab (!) zu diesem Pass. So kann es manchmal sein. Das Tal ist auch recht stark befahren, mit dem Rad wohl eher weniger spaßig. Das Ziel für heute war Le Bourg-d’Oisans. Hier gab es drei Zeltplätze, und den Anstieg nach Alp d’Huez quasi vor der Haustür. Es waren noch anderthalb Wochen, bis die Tour hier vorbeikam, aber schon überall waren Radfahrer zu sehen, unser Campingplatz beherbergte ca. zur Hälfte Leute wie uns. Am sehr späten Nachmittag hatten wir eingecheckt und uns halbwegs aufgebaut. Da von hier aus wirklich nur Alp d’Huez erreichbar war, bin ich gleich abends noch den berühmten Berg gefahren, damit wir am nächsten Morgen gleich mit dem Auto weiter können. Und das war eine gute Entscheidung: Die Sonne war schon überwiegend hinterm Berg, es fühlte sich im Vergleich zu Vortagen eher frisch an, so dass man mal eine gute Stunde einfach hochknallen konnte. Okay, die Pantani-Zeit habe ich äußert knapp verfehlt 😉 Über die jüngste Pogacar-Zeit möchte ich an dieser Stelle lieber nicht sprechen.
Schön ist wirklich anders, die Strecke lebt einfach von ihrer Legende. Und die ersten beiden Camper waren auch schon an der Strecke. Oben kam dann die Abendsonne noch mal ums Eck, das war hübsch.
Am nächsten Tag machten wir etwas Sightseeing. Auf dem Weg zum nächsten Campingplatz kamen wir durch Briancon. Es ist schon unglaublich, wie diese Stadt angelegt ist. Historisch immer in der Nähe zu Italien gelegen, befinden sich an der Kreuzung mehrerer Täler rund um den Ort mehrere Forts. Die historische Altstadt liegt selbst innerhalb eines der Forts und bietet eine schöne Gelegenheit zum Bummeln. Unser Ziel für heute war der Zeltplatz „Camping Le Bois des Alberts“, ein kommunaler Zeltplatz in der Nähe des kleinen Örtchens Alberts, am Eingang des Tals der La Clarée. Auch hier schön am Fluss gelegen, riesengroß mit viel Platz, wobei sowieso gesagt werden muss, dass es mit dem Campingplätzen überhaupt kein Problem gab. Wir sind immer ohne Anmeldung hin und haben einen Platz bekommen. Das ist in manchen Gegenden auch anders. Und über die absolut fairen Preise muss man auch nicht sprechen.
Am Zeltplatz angekommen, haben wir noch eine kleine gemeinsame Spaziertour mit den Wuffis gemacht, wirklich sehr hübsch und unendlich viel Natur. Radfahren hatte heute Pause.
Der Nächste auf der Agenda war der Col d’Izoard. Mir war der Name vor allem deshalb bekannt, weil der Fahrradhändler Stevens seit vielen Jahren ein Rennradmodell mit dem Namen im Portfolio hat. Früher war das mal das Topmodell, heute nur noch Midrange, aber egal. Die Anfahrt ging über Briancon, und dann sehr schön eine überraschend wenig befahrene Straße bis hinauf zum Pass. Und ehrlich: Rückblickend einer der Schönsten, weil landschaftlich grandios und verkehrstechnisch sehr entspannt. Ein echter Tipp! Und ja, die Auberge d’Napoleon kurz unterhalb des Passes gibt es noch, spricht aber eher Auto- denn Fahrradtouristen an. Schöner als die Auffahrt gestaltete sich dann die Abfahrt Richtung Süden: Auf den ersten Kilometern passiert man dabei eine grazile Steinlandschaft mit mehreren Felstürmen, wirklich imposant! Auf der Seite des Passes war auch mehr Rennradverkehr, was ich ob der Schönheit der Strecke verstehe. Die Seite ist aber deutlich härter zu fahren. Trotzdem, wenn man es sich raussuchen kann, wahrscheinlich von Süden anfahren.
Meine anschließende Runde, um zum Zeltplatz zurückzukommen, war nicht so toll. Durch das Tal der Guil ist es canyonartig noch ganz nice, danach war es aber eher langweilig und hat sich bei der Hitze sehr gezogen. Egal, wieder ein Stück Frankreich kennengelernt.
Da die Strecke für einen halben Tag zu lang war, haben wir uns auf zwei Tage gesplittet. Ich heute, meine Frau morgen. So hatte man mal einen ganzen Tag zum Wandern mit den Hunden und Baden im Fluss.
Am Ende des zweiten Tages, als meine Frau wieder zurück war, bin ich am späten Nachmittag noch mit dem Rennrad bis ans Ende des wunderschönen Vallée de La Clarée gefahren. Das letzte Stück ist schon für Autos gesperrt, da fährt nur ein Wanderbus. Wenn man hinten raus dann loswandert, kommt zum den beiden Bergseen in der Nähe des Galibier, also eigentlich alles immer ganz beisammen hier – und neben Rennradfahren kann man auch viele andere Outdooraktivitäten machen. Zum Beispiel auch den Col du Granon fahren: Eine Seite Asphalt, die andere Gravel. Haben wir aber diesmal nicht gemacht.
Direkt in Sicht vom Zeltplatz aus lagen die Serpentinen, die zum Col de Montgenevre führen. Der war der Nächste laut meinem Pässe-Guide. Ich bin möglichst früh los, da es wieder ein sehr warmer Tag werden sollte. Oben auf dem Pass liegt sowohl ein Wintersportort als auch die Grenze zu Italien. Offenbar wird diese Passage über die Alpen Richtung Susa-Tal auch gern genutzt, um den gebührenpflichtigen Tunnel weiter nördlich zum umfahren. Also viel Verkehr, oben der Ort, naja, Wintersportort halt, und dann die Abfahrt nach Italien runter auch mit mega viel Verkehr. Einzig das Segment, wo die Straße schon durch einen neuen Tunnelabschnitt geht und Radfahrer die alte Gallerie benutzen dürfen, ist ok. Der Rest eher Stress. Ich bin aber dennoch nach Italien rüber, da es einen kleinen, niedlichen Pass gab weiter oben im Tal unseres Zeltplatzes gab, über den ich zurückkommen wollte. Die Anfahrt dahin auf italienischer Seite hat sich dann etwas gezogen, am Ende aber sehr gelohnt. Eine wirklich sehr kleine Straße, mit ein zwei Felstunneln, und kaum Verkehr. So ging es über den Col d’Echelle und dann auf kurzem Weg zurück zum Zeltplatz.
Unterwegs bin ich in Bardonecchia durchgekommen. Hier befand sich zur Winterolympiade 2006 (Turin) ein Teil des olympischen Dorfes. Am Hang habe ich zum Beispiel gesehen, wie man eine Snowboard-Halfpipe durch Terraforming vorbereiten muss 😉
Zu unserem letzten Zeltplatz und damit Ausgangspunkt ging es noch einmal ein Stück weiter nach Süden. Mit dem Auto wieder über den Izoard (hach …) und dann ins Tal der Guil aufwärts bis Abriès, ein kleiner, aber hübscher Ort. Und meine Frau fährt die Überführungsetappe wieder mit Rad. In der Woche war auch ein lokales Musikfestival in Abriès, wo wir ein bisschen Vorgeschmack mitbekamen. Da die beiden Täler, die in dem Ort zusammenkamen, nach oben hinaus Sackgassen waren, gab es recht wenig Verkehr und insgesamt war es deutlich ruhiger als rund um Briancon. Es dominierten hier die Wanderer, es gibt wohl auch eine recht bekannte Mehrtageswandertour rund um Abriès, auf der offensichtlich viele unterwegs waren. Den nächsten Tag machten wir auch erstmal eine schöne Bergwanderung mit interessanten Begegnungen mit imposanten Hütehunden, ansonsten standen von hier aus noch zwei Dinge auf dem Plan: Das Belvedere du Cirque de Monte Viso sowie der Col d’Agnel. Ersteres war am Ende des Guil-Tal gelegen: Ein Aussichtspunkt mit Blick auf den Monte Viso, den höchsten Berg der Region. Der Weg bis dahin stellte sich aber nur als ehemalige Asphaltstrasse heraus: die letzten ca. 7 km waren richtig Gravel, mit ein paar Straßenresten zwischendurch. Landschaftlich wirklich hübsch, aber warum dieser Weg im Buch der 100 Rennrad-Alpenpässe steht, weiß ich nicht. Da hätte es Alternativen gegeben. Wie auch immer: Meinen ersten Versuch startete ich am späten Nachmittag mit dem Rennrad, war ja nicht weit vom Campingplatz aus. Am letzten Parkplatz und der Schranke für die Autos bin ich noch vorbei, ein bisschen Schotter bin ich auch gefahren, aber dann war recht schnell klar: Das wird nicht mehr besser und ich würde für die letzten Kilometer so lange brauchen (inkl. des Rückwegs) dass es dunkel ist. Also erst einmal ergebnislos zurückgerollt.
Zum Glück war meine Frau mit ihrem Gravel-Rad unterwegs, mit dem bin ich dann am nächsten Morgen noch einmal los und konnte auch diesen „Pass“ erledigen. Und klar sind wir mit dem Auto bis zum Ende der Straße gefahren, sodass nur der Rest blieb.
Durch den vergeblichen Versuch gestern fehlte aber ein Tag, um auch den Col d’Agnel noch zu machen. Daher sind wir nach meiner schnellen Rückkehr zum Auto gleich weiter und an Abriès vorbei weiter talwärts zu einem anderen Campingplatz, von wo aus es kürzer zum Col d’Agnel hoch war. Alles schick und easy, am gleichen Tag gegen 14 Uhr dann los auf den Berg. Und was soll ich sagen: Was für ein Abschluss! Keine Ahnung, warum der Pass recht wenig bekannt ist und auch wirklich wenig Verkehr hatte. Oben ist die Grenze nach Italien, daher der zweite Name Colle dell Agnello, unter dem er vielleicht etwas bekannter ist. Das Tal hinauf auf französischer Seite war so wunderschön, da hat es die Hinweisschilder an der Straße: „Achtung, Murmeltiere die nächsten 13 Kilometer“ nicht noch extra gebraucht. Gehörte aber natürlich trotzdem mit dazu. Wer in der Nähe ist, unbedingt machen! Ach ja, höher als der Galibier ist er auch noch …
Tja, das war’s dann auch schon. Es war Mittwochabend, und am Freitag mussten wir in Darmstadt sein. Für einen Tag zu stressig, daher haben wir die Rückfahrt wieder auf zwei Tage aufgeteilt. Unterwegs in der Nähe von Freiburg an einem Baggersee ganz nett übernachtet, und dann war es das auch schon: Meine Frau ist mit dem Zug zurück nach Hause, um in den nächsten Radurlaub zu starten, und ich bin noch zum Rad am Ring, um sechs Runden auf der berühmten Nordschleife zu drehen. Auch nicht minder ordentlich, aber das ist eine andere Geschichte.
Nach dem Urlaub habe ich dann meine Pässe-Karte aktualisiert. Die ist immer hier einzusehen: