Nicht, dass die Nachricht nicht unerwartet kam. Es war doch schon lange her gewesen, von ihm öffentlich etwas zu lesen oder zu hören. Und es war auch klar, er war bereits sehr alt. 96 Jahre, meine Güte. Wer das schafft, kann sich glücklich schätzen. Je nach Bedingungen vielleicht auch nicht, ich gehe aber davon aus, dass dies bei ihm weitgehend der Fall war.
Habermas war einer DER Autoren meiner Studienzeit. Er galt als einer derjenigen, der zu den Guten gehörte. Dabei speiste sich die Einschätzung meist weniger aus der unmittelbaren Lektüre seiner Bücher, sondern überwiegend aus der Traditionslinie, in der er nach allgemeinem Verständnis stand. Vor allem nach dem zumindest vorübergehenden Abschied von Marx mit der Wende bestand mein Studium wesentlich aus der neugierigen Suche, was es denn in der westlichen Hemisphäre so an Autoren gab, die einen kritisch-emanzipatorischen Geist hatten. Es war viel bildungsbürgerliches Wissen aufzuholen. Bei dieser Suche kam dann recht schnell die Kritische Theorie in den Blick. Witzigerweise einschneidend präsentiert von einem Hochschullehrer, der sich selbst eher in der Tradition des Kritischen Rationalismus und damit des Gegenpols darstellte. Rückblickend verliert diese Gegenüberstellung einiges an Logik, aber sie prägte die Diskussionen unter den jungen Studierenden.
Zu Habermas gab es immer auch Alternativen: Deutlich leichtere, verständlichere Kost. An ein richtig gutes Seminar, was originär Habermas zum Thema hatte, kann ich mich nicht erinnern. Vielleicht hätte ich es auch nicht gewählt, aus Unsicherheit, zum erwarteten Diskurs der Extrembelesenen nichts beitragen zu können.
So blieb es beim gelegentlichen Aufgreifen in einzelnen Lehrveranstaltungen, die ich besuchte, sei es in der Soziologie oder auch in der Kommunikationswissenschaft. Und klar: Man musste vermeintlich die „Theorie des kommunikativen Handelns“ gelesen haben. Es war glaube ich auch eines der ersten Bücher, die ich mir für den regulären Ladenpreis gekauft habe. 40 DM für beide Bände, das war viel Geld. Habermas war aber nichts, was man so weglesen konnte, das war Arbeit. Zahllose Abschnitte las ich wieder und wieder, bis ich den Eindruck hatte, den Sinn halbwegs zu erfassen.
An „Erkenntnis und Interesse“ habe ich mich auch irgendwann gewagt. Bin in den Wald gefahren, um mal in Ruhe ein paar Stunden lesen zu können. Hat nicht geholfen. Kleinste Abschnitte wieder und wieder gelesen, irgendwann habe ich abgebrochen. Ich kann auch gar nicht mehr sagen, ob ich das Gefühl hatte, dass da was Wichtiges steht. Jedenfalls war es größer als ich, das war klar. Wenn ich mich recht erinnere, wurde in den 2000er Jahren mal das 40-jährige Jubiläum des Bandes gefeiert. Es muss dann doch einer ganzen Menge von Leuten etwas gegeben haben.
Schon etwas leichter fand ich den „Strukturwandel der Öffentlichkeit“. Das war an den besten Stellen eine empirisch gesättigte historische Soziologie des Entstehens von Öffentlichkeit, fokussiert auf die Zeit des Entstehens dessen, was viel später als moderne Gesellschaft beschrieben wurde. Wenn man es gut meint, fast richtiger historischer Materialismus.
Den ganzen späteren demokratietheoretischen Schriften konnte ich nichts mehr abgewinnen. Der Geist des Aufbruchs war dahin, es ging nur noch um Legitimierung des Bestehenden. Nicht so ganz schlimm, aber eben nicht mehr das, was man vielleicht mal gesucht hat. Da gab es mittlerweile spannendere neue Autorinnen und Autoren.
Zu ganz später Stunde hatte ich dann noch Gelegenheit, ihn selbst als Vortragenden erleben zu dürfen. Im Rahmen des damaligen Sonderforschungsbereiches 537 der DFG an der TU Dresden hielt er einen Gastvortrag, es muss ungefähr im Jahr 2000 gewesen sein. Weniger als das unmittelbar Gesagte war es die Aura des Mannes mit seiner Bedeutung für die Theoriegeschichte der Sozialwissenschaften in Deutschland, die den voll besetzten Vorlesungssaal füllte.
Ich werde ihn auf jeden Fall in guter Erinnerung behalten. Ob es bis 96 reicht, weiß ich aber leider nicht.